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Aerolith
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Re: Unser Literatur-Ordner

16.06.2018, 07:03

Der Sommer ist da, somit Zeit für laue Leseabende am Strand oder in Jartn. Habe hier einen längeren Text vorzustellen. Meinungen erbeten.

Madagaskar

"Logistik" war eines der ersten Worte, die Eduard bei der Bundeswehr hinzulernte. Nein, erkannte es schon, aber nur im Sinne einer besonders streng formalisierten Logik. Der Name Rudolf Carnap fiel ihm dabei ein unddie viele Spucke, die der Philosophielehrerin mit dem Bart aus dem Mund geflogen war, als sie dessen Absicht erklärte, die innere Logik der Welt nachzuweisen. Bei der Bundeswehr bezeichnete "Logistik" hingegen den Nachschub, und da Emil, Eduards Vater, Hauptfeldwebel beim Nachschub gewesen war (er hatte eine Treibstoffkolonne immer hinter den Panzern her, beim Rückzug vor ihnen weg, durch Rußland geführt), hielt Eduard es für nicht unter seiner Ehre, ebenfalls Amt und Würde eines Logistikers anzustreben.
Auf Kompanieebene freilich hieß der Logistiker Fourier und residierte in dem weitläufigen Keller der Kaserne inmitten von Regalen voller Stahlhelme und olivgrüner Unterwäsche, voller Klappspaten, Gasmaskentrommeln, Uniformen und Stiefel. Hier besorgte Edu sich, als er mit vierzehn Tagen Verspätung seinen Wehrdienst antrat, die Ausrüstung, die ihn aus einem verschwommenen Zivilisten in einen klar strukturierten Soldaten verwandeln sollte. Reese, Schneidersohn aus Flensburg, half ihm beim Anprobieren der Sachen, kannte sich mit Gürteln, Spangen, Schnallen,Ösen und verwickelten Verlängerungs- und Verkürzungsmechanismen aus. 
"Na, wird doch!" sagte er und betrachtete Eduard wohlgefällig wie ein eigenes Werk, als er im Kampfanzug mit Stahlhelm und Gewehr, mit Gasmaske und Klappspaten krumm wie ein Fragezeichen vor ihm stand. 
"Und das muß ich hier jetzt ständig mit mir rumschleppen?"
"Nein, nur im Gelände."
"Gelände? Welchem Gelände?"
"Das heißt hier Geländedienst. Oder Gefechtsausbildung."
Reese führte ihn zum Schwarzen Brett,wo zwei Dienstpläne hingen, einer für die diensttuende Truppe, einer für den Ausbildungszug. Die diensttuende Truppe hatte fast die gesamte Woche Gerätepflege. Der Ausbildungszug hingegen hatte einmal pro Woche einen Tag Gefechtsausbildung und Leben im Felde, zweimal Formalausbildung und viel Unterricht, regelmäßig Putz- und Flickstunde sowie Revierreinigen.
"Alles böhmische Dörfer", sagte Eduard. "Zum Beispiel Formalausbildung."
"Das hat man früher Exerzierengenannt."
"Aha."
"Rechtsum, linksum, Augen geradeaus und all das. Und Gewehrgriffe kloppen wie beim Wachbataillon. Ist die Spezialität von Uffz Korthals, dem geht einer ab, wenn's richtig gut klappt."
Eduard zog es vor, zu nicken, um nicht noch mehr erklärt zu bekommen.
Ein Soldat mit blauer Schnur an derSchulter kam auf sie zu.
"Eduard Eisenpflicht?" fragteer und schaute die beiden abwechselnd an.
"Ja, ich," sagte Eduard.
"Zum Spieß," sagte derSoldat. "Aber bitte nicht im Kampfanzug!"
Eduard mußte sich blitzartig umkleiden. Ohne Reese hätte er das nie geschafft. Er mußte jetzt Blauzeug anziehen, den Stahlhelm abstülpen und nur den blauen Plastikunterhelm aufbehalten. 
"Und jetzt richte dich mal vollauf, setz das Gewehr neben den rechten Fuß und laß den linken Arm senkrecht herabhängen."
"Hände an die Hosennaht?"
"Nein, das ist abgeschafft. Hand nicht gestreckt, sondern Finger eingeklappt. Wir sind jetzt 'Bürger in Uniform.' Und nun los, Kamerad!" Reese gab ihm mit seiner langen, blassen, schlaffen Hand einen aufmunternden Schlag auf die Schulter. Als er in der Tür war, rief er ihm noch nach: "Und wie lautet die Meldung?"
"Welche Meldung?" Eduard warverwirrt.
"Die Meldung, mit der du dich vorstellst!"
"Ah - äh - Flieger Eisenpflicht, Ausbildungszug zweite Kompanie, meldet sich zum Dienst!"

(Fortsetzung hier)


 
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Wolfsmond

02.08.2018, 10:31

Wolfsmond (von Harald Krodel)


Die Frau schämte sich. Sie schämte sich wie noch nie in ihrem Leben. Es hätte nicht so weit kommen dürfen. Etwas war zerbrochen. Endlich hat sie es bemerkt: Das besoffene Schwein zu ihren Füßen war der Irrtum, für den sie sich verschwendet hatte, ihr Mann. 
Nach Bier und Urin stinkend lag er auf dem Rasen, halb unter dem klebrigen Biertisch. Ein Partyteller verdeckte sein Gesicht. Er hatte Senf im Haar und schnarchte rasselnd. 
Hätte er nur ein paar Worte gelallt, ihren Namen vielleicht: Lydia wäre geblieben. Wenn er sie mit einem trunkenen Hundeblick angesehen, sich etwas bewegt hätte: Lydia hätte ausgeharrt. 
Bei Familienfeiern soff er immer, aber so betrunken war er noch nie gewesen. Auch ihrem Schwager war das peinlich. Er bot Lydia an, sie nach Hause zu fahren, doch sie lehnte ab, floh sein hilfloses Mitleid.
Inzwischen bereut sie diesen Entschluss. Doch Lydia wird nicht umkehren.
Sie läuft nicht die beleuchtete und befahrene Hauptstraße entlang. Sie benutzt eine Abkürzung quer durch die duftenden, reifen Felder am Wald entlang, über dem sich der Mond aufgeblasen hat und farblose Milch herabtränt. Noch immer kann sie die Musik hören, die vom Gartenfest ihres Schwagers herüber schallt.

...auf der Welt zu sein, sagt die Biene zu dem Stachelschwein...

Und noch immer schämt sie sich, aber neben die Scham ist ein weiteres Gefühl getreten, für das sie noch keinen Namen hat. Sie friert, obwohl die Getreidefelder, an denen sie vorbei geht, die Wärme des Tages eingefangen haben und nun an die helle Nacht verschenken. Grillen singen ihre gleichgültigen Liebeslieder.
Lydia vergräbt die Schultern tiefer in der dünnen Wolljacke. Mit der seltsamen Mischung aus erstickender Scham und dem Namenlosen, das immer bedeutender wird, stöckelt sie auf ihren hohen Pumps weiter. Ihre Füße schmerzen, sie stolpert unbeholfen, aber sie geht entschlossen den holprigen Feldweg. 
Wenn jemand Lydia gefragt hätte, warum sie ausgerechnet diesen Weg geht, hätte sie keine Antwort gewusst. Sie wäre erschrocken. Aber niemand fragt sie. 
Sie wundert sich, warum sie keine Angst hat. Was sie eben noch für ein Frösteln hielt, ist etwas anderes. Ihr ist nicht kalt. Sie durchströmt eine Hitze, die sie frösteln macht. Sie ist erregt. Das bleiche Licht, das sie einhüllt, weckt eine Gier. Ja, das ist der Name des Gefühls: Gier.
Lydia ist nicht schön, ihr Gesicht flach, das Make-up verschmiert. Dennoch strahlen nun ihre Augen, sie funkeln. Ihr Haar, offen und fettig, ist samtschwarz, verheißend. Es ist ihr Mond, der ihr das tut, er mildert die Hässlichkeit, macht Lydia nicht schön, aber anziehend und anders.
Endlich schweigt Roy Black. Lydia nähert sich dem Wald. Stille und wirbelnde, lichtfleckige Dunkelheit empfängt sie. Sie riecht den schweren, drängenden Dampf der Erde, die Ausdünstungen des nächtlichen Lebens, Verwesungsgeruch, der sie wie eine Hand ergreift. Der sirrende Ton einer Mücke steht neben ihrem Ohr. Sie macht eine abwehrende Handbewegung, bleibt stehen, lauscht, spürt, atmet flach. Das Insekt wird sie jetzt stechen, sie weiß es, aber sie kann nichts dagegen tun. Sie ist dem Blutdurst hilflos ausgeliefert. 
Sie lacht, schleudert unwillig ihre Schuhe von sich. Vielleicht kann sie der Mücke davonrennen.
Sie wendet sich vom Weg ab, rennt kichernd hinein in das betäubend duftende Feld, stolpert am Rain und rollt auf eine ungemähte Wiese, liegt auf dem Rücken, keuchend, nach Luft schnappend. Der Mond fällt auf sie herab, als wolle er sie verschlingen.
Sie hört einen Schrei.


Erwin flucht unterdrückt und zieht seinen Fuß aus der matschigen Pfütze. Kaum hat er den Fluch zwischen den Zähnen hervorgepresst, sieht er sich schon erschrocken um. Hoffentlich hat ihn keiner gehört oder gar erkannt. Natürlich ist niemand in der Nähe, wer geht schon um diese Uhrzeit im Wald spazieren? Trotzdem fühlt er sich bei etwas Verbotenem ertappt. Er ist schuldig, wie immer ist er schuld. Fehler macht nur Erwin.
Er zerrt den hässlichen Pinscher vom Baum weg, den das Tier interessiert beschnüffelt. Der Hund jault beleidigt, lässt sich nur unter Protest weiterziehen.
Erwin hasst diesen Köter. Während er seine ruinierten Sandalen und seine schmutzigen Tennissocken bedauert, durchzuckt ihn der ketzerische Gedanke, das Vieh totzuschlagen. Im Mondlicht sieht er in verlockender Nähe einen griffigen Ast liegen. Die Gelegenheit wäre günstig, jetzt, in diesem Augenblick, während der Hund mit erhobenem Stummelschwanz und zitternden Hinterläufen angestrengt in den niederen Farn kackt.
Was wohl Mutter sagen würde, wenn er den toten Köter auf die Spitzendecke ihres Tisches schleudern würde? Mein Gott, was sie wohl sagen würde? Sie hatte Erwin den Pinscher zu seinem vierzigsten Geburtstag geschenkt, damit er nicht mehr so allein sei, wie sie gesagt hatte. Dabei weiß er, sie hat es nur getan, um ihn zu ärgern. Er mag überhaupt keine Hunde, er verabscheut ihre hechelnde, sabbernde Liebe. Hunde stinken. Hunde machen Dreck.
Und das dreckigste, stinkendste und ekelerregendste Vieh von allen hatte sie ihm geschenkt. Aber Erwin schluckte die Bosheit, heuchelte Freude.
Erwin wohnt bei seiner Mutter. Er versucht trotz allem Frieden mit der tollwütigen alten Frau zu halten, die ihn mit ausdauernder Energie quält, als wäre dies ihr Lebenselixier. Jedes Mädchen, das er früher mit nach Hause gebracht hat, vergraulte sie wieder. Er bringt schon lange keine Mädchen mehr mit. 
Erwin arbeitet im Archiv einer Zeitung und das Erfreulichste an seinem Beruf ist es, acht Stunden seiner Mutter fern bleiben zu können. Aus diesem Grund nimmt er auch zu jeder Zeit bereitwillig den Hund an die Leine und führt ihn Gassi, den elenden Drecksköter, den er so hasst.
Deshalb ist Erwin im Wald unterwegs: Der Hund erspart ihm den Anblick der Mutter, die nur mit einem Morgenmantel bekleidet stinkend und aufgedunsen auf ihrem Sessel hockt. Sie sieht Karl Moik, unentwegt über das Niveau der Sendung meckernd. So sitzt sie jeden Abend, irgendwo senden sie immer volkstümliche Musik. Sie erinnert Erwin an eine Kröte, ihr Gesicht ist ein Quarkkrater wie der dieses Pinschers. Erwin hat eine Gänsehaut, die sein Hass erzeugt.
Er schüttelt sich und leert seine Gedanken, wartet geduldig, während der Hund sein Geschäft erledigt und sein Schnüffeln wieder aufnimmt, diesmal an seinem eigenen Kot. Erwin hat Zeit. Vor Mitternacht geht die Mutter nicht ins Bett. Die Nacht tut ihm gut. Er liebt diese Nacht, auch wenn ihn der stechende, wie anklagende Mond verunsichert.
Er spürt, die bleiche Scheibe weckt etwas, das ruhen sollte. Eine feuchte Hundenase stößt gegen seinen nackten Unterschenkel. Erwin sieht herab. Ein plattes Gesicht hechelt vertrauensvoll zu ihm empor. Erwin riecht die Hundescheiße. Ihm wird schlecht.
Er tritt das Tier. Es heult überrascht auf, aber es nicht weicht zurück, kauert sich nur ängstlich vor ihm nieder, den Kopf zur Seite gewendet. Erwin runzelt die Stirn. Er hat etwas Verbotenes getan, aber es ist nichts geschehen. Seine Mutter sieht weiter fern, klatscht im Rhythmus einer Blaskapelle.
Erwin bedauert nichts, das überrascht ihn am meisten. Um sich selbst von der Wahrheit zu überzeugen, tritt er noch einmal nach dem hilflosen Tier. Es zuckt schmerzhaft zusammen, schreit fast menschlich auf. Plötzlich hastet es davon. Erwin ist so überrascht, dass er die Leine fahren lässt. Angstvoll kläffend flieht ihn der Hund.
Er will gerade lachen, als er einen lauten und durchdringenden Ruf hört, er schallt von den Feldern zu ihm, lockt ihn. Er hört Seelenverwandtschaft. Beißende Gier tobt plötzlich in seinem Unterleib. Der Brechreiz verstärkt sich. Er übergibt sich. Dann sinkt er in die Knie, hinein in sein Erbrochenes und die Hundekacke. Er brüllt. Er reißt sich das Hemd vom Leib und brüllt. Es bricht aus ihm hervor.
Ihm wird geantwortet. Er richtet sich auf, stolpert suchend weiter. Säure auf den Lippen schmeckend tritt er aus dem Wald. Sein bleiches Gesicht ist gläsern und mit zäher Feuchte überzogen.
Auf der Wiese, über der der Mond ruhelos sein Licht herabspeit, finden sie sich. Sie stehen sich gegenüber. Sie sind keinen Schritt voneinander entfernt, könnten sich berühren, wenn sie es wollten. Doch sie starren nur. Sie streifen sich achtlos die Reste ihrer Kleidung vom Leib. Zwei gegenüber, Mann und Frau, ihre Blicke fesseln einander. So stehen sie lange, ihnen selbst erscheint ihr Harren länger als ihr bisheriges Leben.
Ganz plötzlich, für beide unerwartet, ist die Ruhe zerrissen. Sie stürzen auf ineinander, fallen in das warme und würzige Gras, umkrallen sich, kämpfen, beißen, kratzen, schlagen. 
Der Mond sieht ein zuckendes, achtbeiniges Monstrum, das faucht und stöhnt, nach Blut und Fleisch giert.
Der Mond zerplatzt. Feuerringe stieben auseinander. Zwei Wölfe zerfleischen einander, zu einem verschmolzen.


Wie jede Nacht endet auch diese. Ein blasser, ausgemergelter Morgen graut herauf, haucht eine feuchte Ahnung über die Wiese, wie heiß sein Tag würde. Er findet zwei verlegene Menschen, sie achten einander nicht, als sie ihre schmutzigen Kleidungsstücke aufsammeln und gehen, jeder in seine Richtung. Ein Hund wartet geduldig am Feldrain auf sein Herrchen.
Sie verlieren sich in der nahen, noch leeren Stadt, in ihren Leben, denen sie nicht entfliehen können.

Diskussion zum Text im Wolkenstein-Forum


 
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gen defekt (eulenspiegel)

08.09.2018, 18:38

fast fiel mir die tasse aus der hand. hatte ich richtig gehört? lautlos wiederholte ich ihre worte: 'ich möchte, dass du ein gen-screening machst. wir wollen doch kinder haben. und ich möchte auf nummer sicher gehen.' eine weile schwiegen wir. dann lachte sie: 'nun mach doch nicht so ein belemmertes gesicht. ist doch ganz natürlich, oder? dazu sind die möglichkeiten der gendiagnostik ja da!'


gen-screening, gendiagnostik, generalangriff, genial! das war es, was sie bezweckte. es war eine attacke. eine attacke auf mich und meine person. sie zweifelte die güte meines erbguts an. stellte meine integrität in frage. meine tauglichkeit als zeugungspartner. das ging an die substanz. ich kam mir vor wie ein primatenmännchen im auswahlverfahren. grüsse, körperbau, stimme, auftreten, sozialer rang. alles äusserlichkeiten. aber jetzt ging's ans eingemachte. gen-check! na gut, meine liebe, aber so billig wirst du nicht davonkommen. ich ging zum gegenangriff über.


'ich habe da keine bedenken, mein schatz. bei mir ist alles o.k. und wie sieht es bei dir aus? es ist wohl selbstverständlich, dass du deine gene auch screenen lässt. schliesslich lege auch ich wert auf einen gewissen standard bei meinem nachwuchs.'
das messer fiel klirrend zu boden. sie starrte mich aus ihren grossen, braunen augen an, die ich so liebte. 'ach, plötzlich!', zischte sie. 'als ob dich meine gene interessieren würden! das ist revanche, reine schikane. du wärst doch nie auf die idee gekommen!' sie rang nach luft. ich nutzte die pause, sehr beeindruckt von meiner gelassenheit.
'dafür bin ich dir auch dankbar. dass du mich darauf gebracht hast. wie sorglos bin ich mit der frage doch umgegangen! purer leichtsinn, wenn ich daran denke.' dabei machte ich eine sehr schuldbewusste mine.
'du scheinheiliger kerl, du mieser heini!' agathe sprang auf. 'na schön. wenn du willst, das sollst du kriegen! ich habe nichts zu befürchten!'


einen monat später hielten wir die ergebnisse in händen. mein gentest war ohne befund. nicht ein hinweis auf den geringsten defekt oder auch nur die möglichkeit einer komplikation beim künftigen nachwuchs. anders bei agathe. da fand sich das risiko eines fremdnamigen syndroms. zu fünf prozent. mit den folgen einer schweren, geistigen behinderung des kindes. alle versuche, sie zu trösten, schlugen fehl. ein lateinischer begriff stand zwischen uns. wuchs wie ein tumor. trieb uns immer weiter auseinander. 


nach einem halben jahr standen wir vor der trennung. agathe hatte sich immer mehr von mir entfernt. obwohl ich mich sehr bemüht hatte, den bruch zu vermeiden. ihr misstrauen war schliesslich stärker gewesen. hinter jedem wort vermutete sie eine anspielung auf ihren genetischen defekt. sie behauptete, ich liesse sie ihre minderwertigkeit spüren. das wurde bei ihr zur fixen idee. sie begab sich in psychotherapie. zweimal ging ich mit. ein drittes mal nicht mehr. die psychotherapeutin hetzte agathe gegen mich auf. ihre wohlgesetzten, hinterhältigen anspielungen gegen mich fielen bei agathe auf den humus der verzweiflung. in meiner not schlug ich vor, wir könnten ja auf kinder verzichten. das fasste sie als letzten beweis meiner geringschätzung auf. sie wäre es nicht wert, mir kinder zu gebären. sie wisse, was sie zu tun habe.


ich war am ende meiner kräfte. jede demütigung hatte ich geduldig ertragen. mit den wochen war mir immer klarer geworden, dass es nicht das ergebnis des gen-tests war, was die veränderung in agathes wesen bewirkt hatte. nein, es war ein lange gefasster plan. sie wollte mich erledigen. sie legte es auf meine zerstörung an. das zeigte schliesslich jede ihrer äusserungen und handlungen. sie genoss meine erniedrigung. je mehr ich mich beugte, desto wilder trampelte sie auf mir herum. die psychotherapeutin war ihre komplizin. wahrscheinlich kannten sie sich von früher. beide waren voll hass auf männer. und ich war als opfer ausersehen. es war ein kampf auf leben und tod. sie würden nicht ruhen, bis sie mich völlig vernichtet hatten.


deshalb war es blosse notwehr. agathe hatte mich wieder aufs blut gereizt. 'nimm dir doch eine andre! das ist es, was du willst. ich werde dir nicht im wege stehen. ich weiss, was ich zu tun habe: ich gehe!' sie lief ins schlafzimmer und warf demonstrativ wäschestücke aus dem schrank aufs bett. ich musste handeln. nicht mit mir. mich erst zu erniedrigen und dann wegzuwerfen wie einen nassen lappen. sie und ihre psycho-tussi würden nicht ruhen. mich nicht in frieden lassen. würden mich weiter quälen. 


es ging alles sehr schnell. ich liess ihr keine gelegenheit zu schreien. schon der erste stich traf ins herz. dann rief ich die therapeutin an und bat sie, zu kommen. agathe habe einen nervenzusammenbruch erlitten und brauche ihre hilfe. sie versprach, sofort zu kommen. in ein paar minuten würde sie an der tür läuten. das messer habe ich im vorzimmer versteckt. in meinem mantel. griffbereit, wenn ich ihr aus dem ihren helfe. und dann kann sie agathe gesellschaft leisten. zum ersten mal seit langer zeit bin ich stolz auf mich. (Diskussion zu diesem Text)


 
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Re: Unser Literatur-Ordner

11.10.2018, 11:30

Joshua betrat das Geschäft und sah sich um. Aus dem Hintergrund näherte sich eine unförmige Gestalt und bedachte ihn mit einem erwartungsvollen Blick. Joshua legte seine Beine auf den Tisch, der ihm dafür geeignet schien. Er sah deutlich, dass der andere geschwebt war, dass er offenbar über keine eigenen Beine verfügte und sich nur leicht in der Hüfte bewegt hatte, die Bewegung des Gehens andeutend. Joshua lachte höhnisch auf, obwohl er das eigentlich nicht vorgehabt hatte. Er wollte den anderen nicht kränken, soviel stand fest, es war ihm oft genug eingebläut worden, dass man sich nichts anmerken lassen sollte, aber einfach war das nicht. Er hoffte, dass der andere seine Entgleisung nicht gemerkt hatte. Joshua war es, trotz aller Schwierigkeiten, bisher gelungen, seine Gliedmaßen im wesentlichen zusammen zu halten. Da war es wohl verzeihlich, wenn ihm der Stolz darüber - was nicht oft vorkam - gelegentlich zu unbedachten Äußerungen verleitete. 
Er schob seine Beine zur Tischkante und fuhr mit der Hand leicht über die linke Bügelfalte, wo sich etwas Staub angesammelt hatte. Er drehte die Beine so, dass der andere die staubige Stelle nicht sehen konnte, dass es sich wenigstens nicht aufdrängte. Vielleicht hätte er die Hose noch einmal vorher bügeln sollen, dachte er. Dann wäre ihm der Staub bestimmt aufgefallen und er hätte ihn entfernen können. 
Aber der andere tat zumindest so, als hätte er nichts bemerkt. 
"Dreihundert!" sagte er.
Joshua wusste, daß das nicht wenig war. Jedenfalls für den ersten Versuch. Andererseits - wenn er ehrlich mit sich war - hatte er sich mehr vorgestellt. In gewisser Weise war er enttäuscht.
In einem Anflug von Trotz raffte er die Beine an sich und verließ das Geschäft. (Quelle: hier)


 
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Re: Unser Literatur-Ordner

26.10.2018, 17:35

Ein wackerer Text zur Nacht, in der die Bösen verjagt werden; mancherorts heißen sie auch Hexen:

der dichter ist ein garstig wesen
mit flusen im bauch
garnelen im kopf
er reitet manchmal auf einem besen
frißt grünen lauch
hat läuse im topf
und dann im mondschein 
der kleinen lampe
da schreibt er plötzlich
mit zittriger hand
einen rosenbogen
eine kleine hexe
ein blutendes herzelein
an die wand


 
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Shakespeare: Sommernachtstraum

18.11.2018, 11:24

Nach einigen Jahren besuchte ich einmal wieder das magdeburger Theater. Ich wollte Shakespeares "Sommernachtstraum" sehen. Das Spektakel dauerte rund drei Stunden. Das war nicht das Positive. Das Positive bestand in dreierlei:
1. einem gelungenen Bühnenbild;
2. einzelnen schauspielerischen Leistungen und 
3. ausgezeichneten Bühnenmusikern.
Das übrige war grauenhaft. Ich möchte die Interpretation des weltberühmten Stücks eine feministisch-verschwitzte Shakespeare-Verhunzung nennen. Die männlichen Rollen traten als Fratzen ihrer selber auf: tüllröckchenbehangen oder pompös, zuweilen bierbäuchig oder als Gestellbolzen aus einem 30er-Jahre-Film - drastischer Naturalismus mit der Kraft eines ausgemergelten Nachkriegskörpers. Nur eine Figur stach heraus: Oberon. Der aber war der Bösewicht an der Spitze der Hackordnung: ohne jede innere Spannkraft: verlogen zugleich, dogmatisch und nutzorientiert. Wahrlich, kein Held.
Die weiblichen Rollen dagegen besaßen eine beinahe überbordende Lebendigkeit, doch ohne alle Grazie, ohne Eingefühltheit in die Nöte der Figuren, die doch gerade das bei Shakespeare besitzen. Sie waren männlich gestrickt, ohne jedoch ausgewogen und zugleich zielgerichtet in ihrem Wollen als Heldinnen wirken zu können. Entmannte Weiber, wenn ich es so sagen möchte. Pinkfarbiges Tütü oder bauchfreie Halbkostüme, so zwischen Fitneßstudiobesuchsaufmachung und grellbunter Legerie schangelnd, stapften oder hangelten sich samt ihren menschlichen Inhalten an dem Globe-Rondell herum oder hindurch, immer auf der Suche nach wem oder was. Ja, natürlich ist Shakespeares Stück ein Vexierspiel aus wahrer Liebe, arrangierter Liebe, Liebesverwirrung, Staatsräson und einem vorweggenommenen Phantasiestück in Callots Manier, wobei die Betonung auf hexenkessliger Invarianz oder so liegt, aber eben weil das allein in den Fokus gerückt wurde, fehlt es an dichterischer, an verdichteter Grundierung, ohne die doch Humor nicht erzeugt werden kann. Wo bleiben die tragischen Momente, ohne die keine Komödie vor dem inneren Auge eines aufmerksamen Theaterfreundes bestehen könnte, wo sind sie , die Momente tiefer Traurigkeit, ohne die das Hohelied der Liebe, das doch gelegentlich angestimmt wurde, substanzloses Gequarre bleibt? Ich traue es den besonders sympathischen Schauspielern Carmen Steinert (Puck) und Maike Schroeter (Helena) zu, auch die dunklen Seiten ihrer Rollen wiedergeben zu können - allein, sie blieben oberflächliche Karikaturen der Originale.
Wenn es eines Beweises bedurft hätte, daß unsere Theater nicht mehr in der Lage sind, intellektuell spannende Stücke auf die Bühne zu bringen, weil es ihnen schlichtweg an eben derselben intellektuellen Spannkraft fehlt, dann dieses. Hübsche Aufmachungen, zum Teil gute künstlerische Leistungen (musikalisch, gesanglich und auch hinsichtlich der Raumaufteilung) und ein formidables Bühnenbild, das zwischen Vergangenheit und Gegenwart changierte und dabei genug Spielfläche und -möglichkeiten bot, geben zwar eine gute Voraussetzung für ein Spiel, auch ein komödiantisches Spiel wie den "Sommernachtstraum", aber wenn es an innerer Spannkraft fehlt, Möglichkeiten auch als solche auszuspielen, dann wird ein Klamauk daraus, der zwar (auch mich) gelegentlich erfreut und die Fratzen unseres Daseins spiegelverkehrt zum Bewußtsein bringt, aber am Ende doch eher ein Unbehagen zurückläßt, eben nicht kathartisch wirkt, sondern vielmehr primitive Instinkte anspricht.


 
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Re: Unser Literatur-Ordner

08.12.2018, 06:58

Diesen Adventsgruß schrieb Patina:

ein einzelner Engel noch
hängt am kahlen Baum

und lacht

wie kann er lachen
wenn der Vogel unten liegt


Ich hoffe, wir liegen nicht mehr lange unten.


 
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Eberling

01.01.2019, 16:42

Ein Texteines BVB-Fans, der mir vor Jahren bei einem Besuch in MD stolz seine Stehtribünenkarte zeigte. Ich fand, 100 € seien viel Geld für eine Jahreskarte.

Als ich Eberling zum erstenmal sah, mußte ich an den Zeichentrickhund Spike denken, Sie wissen schon, dieses beigefarbene Muskelpaket aus Tom & Jerry. Er wurde mir vom Vorstand unserer Firma als mein neuer Chef vorgestellt, und ich befürchtete schlimmes für meine weitere Karriere. Auf seinen kurzen, stämmigen Beinen, die zu erstaunlich großen Schritten fähig waren, saß der Rumpf eines Gorillas; aus dem gewaltigen Gesicht blickten mich wimpernlose Schweinsäuglein mit schwitzender, zu allem entschlossener und vor Tatendrang fast berstender Fröhlichkeit an. Er atmete, als müsse er die Luft vernichten, nein, als müsse er ihr wehtun, um seine Körperfunktionen aufrechtzuerhalten. Jedes Heben seines Brustkorbs war eine Kriegserklärung an die ganze Erdatmosphäre. Eberling ließ meine Hand in seiner verschwinden und nannte seinen Namen, während er mir fast die Knochen brach. Ich nannte meinen, versuchte zu lächeln und überlebte diesen Tag.


Nach einigen Wochen lud er mich und zwei meiner Kollegen zum Essen ein. Wir hatten ein paar Tage zuvor gemeinsam ein Seminar zum Thema Modernes Management besucht, und Eberling sprühte nur so vor neuen Ideen: "Wir müssen mal Tacheles reden, meine Herrn, und das tut man am besten bei einem guten Happen und einem frisch gezapften Bier."
Tacheles war sein Lieblingswort. Er gebrauchte es bei jeder Gelegenheit und legte großen Wert darauf, jemand zu sein, der nicht um den heißen Brei herum sondern eben Tacheles redet. Natürlich erwartete er auch von seinen Mitarbeitern, daß sie Tacheles redeten, auch und gerade mit ihm - "Immer frei von der Leber weg und raus mit der Sprache!" Ob er wußte, daß sich gerade deshalb niemand traute, dies zu tun, ließ sich schwer sagen.
Wir warteten, wie verabredet, vor den Bürgerstuben. Schröder und ich trugen das, was wir immer trugen, während Knickrath sich in Schale geworfen hatte und in seinem dunkelgrauen Anzug wie ein zu groß geratener Konfirmand aussah. Mit einer Verspätung von höchstens zwei Minuten sahen wir Eberling auf der gegenüberliegenden Straßenseite seinen 7er BMW parken und uns zuwinken. Er stieg aus und bretterte über die Straße, als sei der Asphalt sein Feind - jeder Schritt ein Verstoß gegen die Haager Landkriegsordnung, sein Gesicht ein Schlachtfeld, auf dem fröhlich und gutgelaunt gemetzelt wurde. Er begrüßte uns, klatschte in die Hände und rief: "So, meine Herrn, dann wollen wir mal!" Bei ihm mußte alles einen fest umrissenen Ausgangspunkt haben, die Dinge durften nicht einfach so nahtlos fließend ineinander übergehen, und er mußte derjenige sein, der sie ins Rollen brachte.
Ich stellte mir Eberling beim Sex vor und vermutete, daß jede Phase des Liebesspiels von ihm mit einem Fanfarenstoß eingeleitet wurde.
"Mit dem Essen warten wir noch, bis meine Frau kommt", sagte er, "aber jetzt gehen wir erst mal was trinken!"
Ich sah Schröder an, Schröder sah mich an, denn von Eberlings Frau war nie die Rede gewesen. Eberling wuchtete die Tür zum Restaurant auf und vereinnahmte die Räumlichkeiten. Wir wurden an unseren Tisch geführt und bestellten vier Bier. Eberling trank sein Glas in einem Zuge aus, wischte sich den Schaum vom Mund und bestellte vier neue.
"Die alten Strukturen!..." sagte er und nahm einen weiteren großen Schluck, "die alten Hierarchien und Denkgewohnheiten!..." - seine rechte Hand vollführte eine parallel zur Tischplatte verlaufende Bewegung, die wie ein horizontaler Schnitt durch einen großen Käse aussah -, "Schluß damit!" Wir nickten. Eberling schien mit sich und der Welt zufrieden zu sein.
"Die alten Zöpfe müssen ab!" fuhr er fort, "wir sind ein modernes Unternehmen, und der Vorstand läßt keinen Zweifel daran, daß... ich meine...!" Wir nickten immer noch.
"Eigenständiges, verantwortungsbewußtes Handeln!" sagte er langsam und würdevoll.
"... und Denken", ergänzte Knickrath kleinlaut. Er komplettierte damit das Zitat des Seminarleiters. Wäre der Satz auf seinem eigenen Mist gewachsen, hätte er sich nicht getraut, ihn zu sagen.
"... und Denken!" pflichtete Eberling etwas gelangweilt bei, ohne Knickrath eines Blickes zu würdigen. Knickrath bebte vor Glück und seine glänzenden Augen huschten von einem zum anderen.
"Gut!" sagte Eberling und blickte verträumt ins Nirgendwo, als hätte er nun die wichtigsten Punkte des Abends geklärt. Wir stießen miteinander an (ein Ritual, das ich hasse, aber Eberling bestand darauf), tranken, seinem Beispiel folgend, wie Verdurstende, und bestellten die nächste Runde.
Aus einer plötzlichen Inspiration heraus erzählte ich einen schmutzigen Witz, weil das Schweigen nach Eberlings Vortrag etwas unangenehm wurde. Eberling hörte gespannt und mit glühenden Augen zu, vibrierte am ganzen Körper, und ich sah, daß er eigentlich nicht wirklich zuhörte sondern nur auf die Gelegenheit wartete, selbst ein paar Kalauer, die ihm auf der Zunge lagen, zum besten zu geben. Der Witz war miserabel, und ich versaute auch noch die Pointe, aber Eberling brüllte los und die anderen brüllten hilflos mit. Sein Lachen war weniger Ausdruck wirklichen Humors (er hatte keinen, jedenfalls keinen, der diese Bezeichnung verdiente), sondern eher eine Art Nichtangriffspakt, den er auf diese Weise anbot. Allerdings hielt ihn dieses Angebot nicht davon ab, mir seine tennisschlägergroße Hand mit solcher Wucht auf die Schulter zu dreschen, daß es mir fast den Arm ausgekugelt hätte. Ich hatte einen Freund gefunden, soviel stand fest.
In den folgenden zwanzig Minuten erquickte er uns mit einer Flut von Witzen, die größtenteils von in den Puff kommenden Männern und von zum Arzt kommenden Frauen handelten. Das Lachen wurde immer mechanischer, aber niemand traute sich, die Lautstärke unter die einer startenden Concorde zu senken. Nur Knickrath schien sich wirklich zu amüsieren.
Eberling war bereits angeheitert, und als Knickrath mal zum Klo ging, überraschte er mich mit einer völlig anderen Seite seiner Persönlichkeit: "Das Theater", sagte er, "ja, das Theater! Die Firma ist... ja! - Aber das Theater!..." Ich trank den Rest meines fünften Bieres und sah plötzlich jemanden vor mir, der in Eberlings grobschlächtiger Erscheinung gefangen zu sein schien. "Und auch die Kunst und die Literatur," sagte er und machte ein paar unsichere Handbewegungen, als wolle er nach etwas greifen, das nicht greifbar war, "... die... ach! Manchmal, ja... manchmal denke ich... nun ja, der Mensch... das Leben..." Er sah mich verzweifelt an, als hoffe er, daß ich den Gedanken verstanden, aufgegriffen und für ihn weitergedacht habe, und irgendwie hatte ich das auch. Dieser neue Eberling hatte was Abstoßendes, aber ich sah ihn trotzdem in einem anderen Licht. Da war jemand, dem er nur äußerst selten gestattete, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren, und irgendwie hatte das war Rührendes, obwohl ich mich von Eberling nicht rühren lassen wollte.


Als ich seine Frau sah, verdichtete sich das Bild des neuen Eberling in mir. Ich hatte mir einen feisten Hausdrachen vorgestellt, aber es war ein ätherisches Wesen, das die Bürgerstuben betrat, und ich wußte sofort, daß diese Frau das verkörperte, was mein Chef in seinem tiefsten Innern gern gewesen wäre - ein kultivierterer, ein grazilerer, ein feinstofflicherer Eberling. Sie schwebte durch den Raum mit ihrer spröden, äschernen Erotik, grüßte kurz, fast lautlos, und setzte sich an unseren Tisch.
Die Atmosphäre bekam eine andere Farbe, einen anderen Klang. Es wurde stiller und beunruhigender, nachdem sie aufgetaucht war, und es war eine Erleichterung, als der Kellner endlich das Essen brachte. Eberling war ganz Mund, ganz Kiefer, ganz Kauen und Schlucken, während er die vor sich aufgetürmten Fleischberge verschlang; seine untere Gesichtshälfte erstrahlte fettgleißend im gedämpften Licht. Seine Frau, die sich mit einem kleinen Vorspeisenteller begnügte, machte ein spitzes Mündchen und kaute nur mit den Schneidezähnen, als wolle sie die feste Nahrung möglichst lange von sich fernhalten. Sie ließ das Essen nur widerwillig in die tieferen Regionen ihres Körpers vordringen und schaute bei jedem Schlucken ein wenig verzweifelt drein, als habe sie sich bewußt einem Akt der Vergewaltigung ausgesetzt. Einmal sah sie mir für den Bruchteil einer Sekunde mit ihren großen braunen Augen direkt ins Gesicht. Es lag nichts greifbares in diesem Blick, nichts, das wirklich Substanz besaß, nur eine irgendwie verrückt in sich selbst ruhende, fleischlose Weisheit, und jenseits davon... ich weiß es nicht, vielleicht eine unstillbare und alles verschlingende Sehnsucht, die ums überleben kämpfte. Trotzdem wußte ich, daß etwas passieren würde. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, vielleicht nicht in drei Wochen. Aber es würde etwas passieren.


Es passierte ein halbes Jahr später, als Eberling geschäftlich im Ausland zu tun hatte. Sie rief mich auf der Arbeit an, und wir verabredeten uns für denselben Abend in einem Hotelzimmer, das sie gebucht hatte. Sie sagte nicht viel; das einzige, was ich aus ihr herausholte, bevor wir uns wie die Irrsinnigen liebten, war, daß sie litt, daß sie ihr Leben als eine unglaubliche Strafe empfand. Was sie danach mit mir veranstaltete, war für mich alles andere als eine Strafe. Ich glaube, sie war tatsächlich ein bißchen verrückt.
Wir trafen uns von nun an bei jeder sich bietenden Gelegenheit, und als Eberling uns erwischte, trafen wir uns zum erstenmal in ihrer Wohnung, die bis dahin Tabu gewesen war. Ihr Körper war warmer Marmor und brachte Saiten in mir zum Schwingen, von denen ich nicht gewußt hatte, daß sie überhaupt existieren. In dem ekstatischen Taumel, der unsere Treffen fast immer begleitete, hatte ich mich ihr blasphemisch genähert, als Eberling plötzlich mit einer Plastiktüte mit der Aufschrift Nordstadt Grill im Türrahmen stand.
Eberling brüllte, nachdem ihm klargeworden war, was er da vor sich sah, aber es waren keine Worte, die er brüllte, sondern unartikulierte Laute, denn Worte standen ihm scheinbar nicht zur Verfügung. Ich zog die Decke bis zu meinem Hals hoch, und Eberling zog seine Frau an den Beinen aus dem Bett, bis sie nackt vor ihm auf dem Boden saß - nackt und blaß und wunderbar. Er brüllte noch immer, und nur mit Mühe konnte ich Worte wie "Schlampe", "Hure", und "Flittchen" heraushören. Dann setzte Schweigen ein, und die Szene wurde gespenstisch.
Nach einer Ewigkeit richtete sie sich auf, und in ihrem Blick lagen eine Wut und eine Entschlossenheit, die ich ihr niemals zugetraut hätte. Sie schleuderte ihre Arme nach hinten, warf den Kopf nach vorn und kreischte in einem alles durchdringenden Sopran: "DUUU... MANN!" Es klang, als wäre "Mann" die ungeheuerlichste Beleidigung, derer sie fähig war, und sie verfehlte nicht ihre Wirkung, denn Eberling zuckte erschrocken zusammen. "DU MANN! - DUUU... DU GROBER KLOTZ!" schrie sie, und Eberling wankte, begann zu straucheln und taumelte rückwärts in die Küche. Nach einigen halbherzigen Versuchen, das Gleichgewicht wiederzufinden, ging er schließlich zu Boden, und dort saß er nun und starrte seine Frau aus großen, ungläubigen Augen an. Eberling weinte!
"DUUU...! - IMMER NUR FRESSEN UND FRESSEN, IMMER NOCH MEHR UND NOCH MEHR UND NOCH..."
Sie hielt mit wildem Triumph einen Packung Reis in der Hand und warf ihm den ersten Kochbeutel ins Gesicht, dann den nächsten. Er brüllte vor Schmerz, versuchte, sich mit den Händen zu schützen, aber der dritte Kochbeutel traf seine Stirn.
"JAAA!" schrie er seinerseits, "ich bin ein grober Klotz, ja, JAAA, ich bin ein MANN!" - Das scheinbar brutalste Eingeständnis seines Lebens. "Immer nur fressen", wimmerte er, "und immer noch mehr und mehr und mehr..."
Er griff in die Plastiktüte mit der Aufschrift Nordstadt Grill und brachte eine riesige Grillhaxe zum Vorschein. Er schlug sie sich auf den Kopf, immer und immer wieder, in immer kürzeren Abständen und immer fester, während er sich selbst beschimpfte. Seine Frau hatte einen der Kochbeutel aufgerissen, griff hinein und bewarf ihren Mann mit losem Reis. Er heulte auf, als sei eine Ladung Schrotkugeln auf ihn niedergegangen, aber es gab kein Mitleid, kein Erbarmen. Sie hatte die letzten Hemmungen wie eine tote Larve abgestreift, jahrelange Entwürdigungen, Unterdrückungen und tiefsitzender Schmerz brachen vulkanartig aus ihr hervor, und nun war es blanke Mordlust, die sich in ihrem Blick spiegelte. Sie bewarf ihn mit Teebeuteln, schüttete ihm Milch über den Kopf und stach mit Spaghetti auf seine Oberschenkel ein. Eberling suhlte sich in Schmerz und Selbstanklage, während er die Haxe, von der sich allmählich das Fleisch zu lösen begann, immer und immer wieder auf seinen Schädel niedersausen ließ. Schließlich war es der nackte Knochen, mit dem er sich für seine das Antlitz der Erde beleidigende Existenz bestrafte; es floß Blut und er wurde bewußtlos, aber mit letzter Kraft hieb er ein letztes mal auf sich ein. Dann wurde es still, und nur Entsetzen lag noch in der Luft.


Ich verließ die Wohnung wie in Trance. Ich wußte, daß Knickrath mein neuer Chef sein würde, und Knickrath hatte kein zweites Gesicht, da war ich sicher.


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