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Re: Unser Literatur-Ordner

16.06.2018, 07:03

Der Sommer ist da, somit Zeit für laue Leseabende am Strand oder in Jartn. Habe hier einen längeren Text vorzustellen. Meinungen erbeten.

Madagaskar

"Logistik" war eines der ersten Worte, die Eduard bei der Bundeswehr hinzulernte. Nein, erkannte es schon, aber nur im Sinne einer besonders streng formalisierten Logik. Der Name Rudolf Carnap fiel ihm dabei ein unddie viele Spucke, die der Philosophielehrerin mit dem Bart aus dem Mund geflogen war, als sie dessen Absicht erklärte, die innere Logik der Welt nachzuweisen. Bei der Bundeswehr bezeichnete "Logistik" hingegen den Nachschub, und da Emil, Eduards Vater, Hauptfeldwebel beim Nachschub gewesen war (er hatte eine Treibstoffkolonne immer hinter den Panzern her, beim Rückzug vor ihnen weg, durch Rußland geführt), hielt Eduard es für nicht unter seiner Ehre, ebenfalls Amt und Würde eines Logistikers anzustreben.
Auf Kompanieebene freilich hieß der Logistiker Fourier und residierte in dem weitläufigen Keller der Kaserne inmitten von Regalen voller Stahlhelme und olivgrüner Unterwäsche, voller Klappspaten, Gasmaskentrommeln, Uniformen und Stiefel. Hier besorgte Edu sich, als er mit vierzehn Tagen Verspätung seinen Wehrdienst antrat, die Ausrüstung, die ihn aus einem verschwommenen Zivilisten in einen klar strukturierten Soldaten verwandeln sollte. Reese, Schneidersohn aus Flensburg, half ihm beim Anprobieren der Sachen, kannte sich mit Gürteln, Spangen, Schnallen,Ösen und verwickelten Verlängerungs- und Verkürzungsmechanismen aus. 
"Na, wird doch!" sagte er und betrachtete Eduard wohlgefällig wie ein eigenes Werk, als er im Kampfanzug mit Stahlhelm und Gewehr, mit Gasmaske und Klappspaten krumm wie ein Fragezeichen vor ihm stand. 
"Und das muß ich hier jetzt ständig mit mir rumschleppen?"
"Nein, nur im Gelände."
"Gelände? Welchem Gelände?"
"Das heißt hier Geländedienst. Oder Gefechtsausbildung."
Reese führte ihn zum Schwarzen Brett,wo zwei Dienstpläne hingen, einer für die diensttuende Truppe, einer für den Ausbildungszug. Die diensttuende Truppe hatte fast die gesamte Woche Gerätepflege. Der Ausbildungszug hingegen hatte einmal pro Woche einen Tag Gefechtsausbildung und Leben im Felde, zweimal Formalausbildung und viel Unterricht, regelmäßig Putz- und Flickstunde sowie Revierreinigen.
"Alles böhmische Dörfer", sagte Eduard. "Zum Beispiel Formalausbildung."
"Das hat man früher Exerzierengenannt."
"Aha."
"Rechtsum, linksum, Augen geradeaus und all das. Und Gewehrgriffe kloppen wie beim Wachbataillon. Ist die Spezialität von Uffz Korthals, dem geht einer ab, wenn's richtig gut klappt."
Eduard zog es vor, zu nicken, um nicht noch mehr erklärt zu bekommen.
Ein Soldat mit blauer Schnur an derSchulter kam auf sie zu.
"Eduard Eisenpflicht?" fragteer und schaute die beiden abwechselnd an.
"Ja, ich," sagte Eduard.
"Zum Spieß," sagte derSoldat. "Aber bitte nicht im Kampfanzug!"
Eduard mußte sich blitzartig umkleiden. Ohne Reese hätte er das nie geschafft. Er mußte jetzt Blauzeug anziehen, den Stahlhelm abstülpen und nur den blauen Plastikunterhelm aufbehalten. 
"Und jetzt richte dich mal vollauf, setz das Gewehr neben den rechten Fuß und laß den linken Arm senkrecht herabhängen."
"Hände an die Hosennaht?"
"Nein, das ist abgeschafft. Hand nicht gestreckt, sondern Finger eingeklappt. Wir sind jetzt 'Bürger in Uniform.' Und nun los, Kamerad!" Reese gab ihm mit seiner langen, blassen, schlaffen Hand einen aufmunternden Schlag auf die Schulter. Als er in der Tür war, rief er ihm noch nach: "Und wie lautet die Meldung?"
"Welche Meldung?" Eduard warverwirrt.
"Die Meldung, mit der du dich vorstellst!"
"Ah - äh - Flieger Eisenpflicht, Ausbildungszug zweite Kompanie, meldet sich zum Dienst!"

(Fortsetzung hier)


 
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Wolfsmond

02.08.2018, 10:31

Wolfsmond (von Harald Krodel)


Die Frau schämte sich. Sie schämte sich wie noch nie in ihrem Leben. Es hätte nicht so weit kommen dürfen. Etwas war zerbrochen. Endlich hat sie es bemerkt: Das besoffene Schwein zu ihren Füßen war der Irrtum, für den sie sich verschwendet hatte, ihr Mann. 
Nach Bier und Urin stinkend lag er auf dem Rasen, halb unter dem klebrigen Biertisch. Ein Partyteller verdeckte sein Gesicht. Er hatte Senf im Haar und schnarchte rasselnd. 
Hätte er nur ein paar Worte gelallt, ihren Namen vielleicht: Lydia wäre geblieben. Wenn er sie mit einem trunkenen Hundeblick angesehen, sich etwas bewegt hätte: Lydia hätte ausgeharrt. 
Bei Familienfeiern soff er immer, aber so betrunken war er noch nie gewesen. Auch ihrem Schwager war das peinlich. Er bot Lydia an, sie nach Hause zu fahren, doch sie lehnte ab, floh sein hilfloses Mitleid.
Inzwischen bereut sie diesen Entschluss. Doch Lydia wird nicht umkehren.
Sie läuft nicht die beleuchtete und befahrene Hauptstraße entlang. Sie benutzt eine Abkürzung quer durch die duftenden, reifen Felder am Wald entlang, über dem sich der Mond aufgeblasen hat und farblose Milch herabtränt. Noch immer kann sie die Musik hören, die vom Gartenfest ihres Schwagers herüber schallt.

...auf der Welt zu sein, sagt die Biene zu dem Stachelschwein...

Und noch immer schämt sie sich, aber neben die Scham ist ein weiteres Gefühl getreten, für das sie noch keinen Namen hat. Sie friert, obwohl die Getreidefelder, an denen sie vorbei geht, die Wärme des Tages eingefangen haben und nun an die helle Nacht verschenken. Grillen singen ihre gleichgültigen Liebeslieder.
Lydia vergräbt die Schultern tiefer in der dünnen Wolljacke. Mit der seltsamen Mischung aus erstickender Scham und dem Namenlosen, das immer bedeutender wird, stöckelt sie auf ihren hohen Pumps weiter. Ihre Füße schmerzen, sie stolpert unbeholfen, aber sie geht entschlossen den holprigen Feldweg. 
Wenn jemand Lydia gefragt hätte, warum sie ausgerechnet diesen Weg geht, hätte sie keine Antwort gewusst. Sie wäre erschrocken. Aber niemand fragt sie. 
Sie wundert sich, warum sie keine Angst hat. Was sie eben noch für ein Frösteln hielt, ist etwas anderes. Ihr ist nicht kalt. Sie durchströmt eine Hitze, die sie frösteln macht. Sie ist erregt. Das bleiche Licht, das sie einhüllt, weckt eine Gier. Ja, das ist der Name des Gefühls: Gier.
Lydia ist nicht schön, ihr Gesicht flach, das Make-up verschmiert. Dennoch strahlen nun ihre Augen, sie funkeln. Ihr Haar, offen und fettig, ist samtschwarz, verheißend. Es ist ihr Mond, der ihr das tut, er mildert die Hässlichkeit, macht Lydia nicht schön, aber anziehend und anders.
Endlich schweigt Roy Black. Lydia nähert sich dem Wald. Stille und wirbelnde, lichtfleckige Dunkelheit empfängt sie. Sie riecht den schweren, drängenden Dampf der Erde, die Ausdünstungen des nächtlichen Lebens, Verwesungsgeruch, der sie wie eine Hand ergreift. Der sirrende Ton einer Mücke steht neben ihrem Ohr. Sie macht eine abwehrende Handbewegung, bleibt stehen, lauscht, spürt, atmet flach. Das Insekt wird sie jetzt stechen, sie weiß es, aber sie kann nichts dagegen tun. Sie ist dem Blutdurst hilflos ausgeliefert. 
Sie lacht, schleudert unwillig ihre Schuhe von sich. Vielleicht kann sie der Mücke davonrennen.
Sie wendet sich vom Weg ab, rennt kichernd hinein in das betäubend duftende Feld, stolpert am Rain und rollt auf eine ungemähte Wiese, liegt auf dem Rücken, keuchend, nach Luft schnappend. Der Mond fällt auf sie herab, als wolle er sie verschlingen.
Sie hört einen Schrei.


Erwin flucht unterdrückt und zieht seinen Fuß aus der matschigen Pfütze. Kaum hat er den Fluch zwischen den Zähnen hervorgepresst, sieht er sich schon erschrocken um. Hoffentlich hat ihn keiner gehört oder gar erkannt. Natürlich ist niemand in der Nähe, wer geht schon um diese Uhrzeit im Wald spazieren? Trotzdem fühlt er sich bei etwas Verbotenem ertappt. Er ist schuldig, wie immer ist er schuld. Fehler macht nur Erwin.
Er zerrt den hässlichen Pinscher vom Baum weg, den das Tier interessiert beschnüffelt. Der Hund jault beleidigt, lässt sich nur unter Protest weiterziehen.
Erwin hasst diesen Köter. Während er seine ruinierten Sandalen und seine schmutzigen Tennissocken bedauert, durchzuckt ihn der ketzerische Gedanke, das Vieh totzuschlagen. Im Mondlicht sieht er in verlockender Nähe einen griffigen Ast liegen. Die Gelegenheit wäre günstig, jetzt, in diesem Augenblick, während der Hund mit erhobenem Stummelschwanz und zitternden Hinterläufen angestrengt in den niederen Farn kackt.
Was wohl Mutter sagen würde, wenn er den toten Köter auf die Spitzendecke ihres Tisches schleudern würde? Mein Gott, was sie wohl sagen würde? Sie hatte Erwin den Pinscher zu seinem vierzigsten Geburtstag geschenkt, damit er nicht mehr so allein sei, wie sie gesagt hatte. Dabei weiß er, sie hat es nur getan, um ihn zu ärgern. Er mag überhaupt keine Hunde, er verabscheut ihre hechelnde, sabbernde Liebe. Hunde stinken. Hunde machen Dreck.
Und das dreckigste, stinkendste und ekelerregendste Vieh von allen hatte sie ihm geschenkt. Aber Erwin schluckte die Bosheit, heuchelte Freude.
Erwin wohnt bei seiner Mutter. Er versucht trotz allem Frieden mit der tollwütigen alten Frau zu halten, die ihn mit ausdauernder Energie quält, als wäre dies ihr Lebenselixier. Jedes Mädchen, das er früher mit nach Hause gebracht hat, vergraulte sie wieder. Er bringt schon lange keine Mädchen mehr mit. 
Erwin arbeitet im Archiv einer Zeitung und das Erfreulichste an seinem Beruf ist es, acht Stunden seiner Mutter fern bleiben zu können. Aus diesem Grund nimmt er auch zu jeder Zeit bereitwillig den Hund an die Leine und führt ihn Gassi, den elenden Drecksköter, den er so hasst.
Deshalb ist Erwin im Wald unterwegs: Der Hund erspart ihm den Anblick der Mutter, die nur mit einem Morgenmantel bekleidet stinkend und aufgedunsen auf ihrem Sessel hockt. Sie sieht Karl Moik, unentwegt über das Niveau der Sendung meckernd. So sitzt sie jeden Abend, irgendwo senden sie immer volkstümliche Musik. Sie erinnert Erwin an eine Kröte, ihr Gesicht ist ein Quarkkrater wie der dieses Pinschers. Erwin hat eine Gänsehaut, die sein Hass erzeugt.
Er schüttelt sich und leert seine Gedanken, wartet geduldig, während der Hund sein Geschäft erledigt und sein Schnüffeln wieder aufnimmt, diesmal an seinem eigenen Kot. Erwin hat Zeit. Vor Mitternacht geht die Mutter nicht ins Bett. Die Nacht tut ihm gut. Er liebt diese Nacht, auch wenn ihn der stechende, wie anklagende Mond verunsichert.
Er spürt, die bleiche Scheibe weckt etwas, das ruhen sollte. Eine feuchte Hundenase stößt gegen seinen nackten Unterschenkel. Erwin sieht herab. Ein plattes Gesicht hechelt vertrauensvoll zu ihm empor. Erwin riecht die Hundescheiße. Ihm wird schlecht.
Er tritt das Tier. Es heult überrascht auf, aber es nicht weicht zurück, kauert sich nur ängstlich vor ihm nieder, den Kopf zur Seite gewendet. Erwin runzelt die Stirn. Er hat etwas Verbotenes getan, aber es ist nichts geschehen. Seine Mutter sieht weiter fern, klatscht im Rhythmus einer Blaskapelle.
Erwin bedauert nichts, das überrascht ihn am meisten. Um sich selbst von der Wahrheit zu überzeugen, tritt er noch einmal nach dem hilflosen Tier. Es zuckt schmerzhaft zusammen, schreit fast menschlich auf. Plötzlich hastet es davon. Erwin ist so überrascht, dass er die Leine fahren lässt. Angstvoll kläffend flieht ihn der Hund.
Er will gerade lachen, als er einen lauten und durchdringenden Ruf hört, er schallt von den Feldern zu ihm, lockt ihn. Er hört Seelenverwandtschaft. Beißende Gier tobt plötzlich in seinem Unterleib. Der Brechreiz verstärkt sich. Er übergibt sich. Dann sinkt er in die Knie, hinein in sein Erbrochenes und die Hundekacke. Er brüllt. Er reißt sich das Hemd vom Leib und brüllt. Es bricht aus ihm hervor.
Ihm wird geantwortet. Er richtet sich auf, stolpert suchend weiter. Säure auf den Lippen schmeckend tritt er aus dem Wald. Sein bleiches Gesicht ist gläsern und mit zäher Feuchte überzogen.
Auf der Wiese, über der der Mond ruhelos sein Licht herabspeit, finden sie sich. Sie stehen sich gegenüber. Sie sind keinen Schritt voneinander entfernt, könnten sich berühren, wenn sie es wollten. Doch sie starren nur. Sie streifen sich achtlos die Reste ihrer Kleidung vom Leib. Zwei gegenüber, Mann und Frau, ihre Blicke fesseln einander. So stehen sie lange, ihnen selbst erscheint ihr Harren länger als ihr bisheriges Leben.
Ganz plötzlich, für beide unerwartet, ist die Ruhe zerrissen. Sie stürzen auf ineinander, fallen in das warme und würzige Gras, umkrallen sich, kämpfen, beißen, kratzen, schlagen. 
Der Mond sieht ein zuckendes, achtbeiniges Monstrum, das faucht und stöhnt, nach Blut und Fleisch giert.
Der Mond zerplatzt. Feuerringe stieben auseinander. Zwei Wölfe zerfleischen einander, zu einem verschmolzen.


Wie jede Nacht endet auch diese. Ein blasser, ausgemergelter Morgen graut herauf, haucht eine feuchte Ahnung über die Wiese, wie heiß sein Tag würde. Er findet zwei verlegene Menschen, sie achten einander nicht, als sie ihre schmutzigen Kleidungsstücke aufsammeln und gehen, jeder in seine Richtung. Ein Hund wartet geduldig am Feldrain auf sein Herrchen.
Sie verlieren sich in der nahen, noch leeren Stadt, in ihren Leben, denen sie nicht entfliehen können.

Diskussion zum Text im Wolkenstein-Forum


 
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gen defekt (eulenspiegel)

08.09.2018, 18:38

fast fiel mir die tasse aus der hand. hatte ich richtig gehört? lautlos wiederholte ich ihre worte: 'ich möchte, dass du ein gen-screening machst. wir wollen doch kinder haben. und ich möchte auf nummer sicher gehen.' eine weile schwiegen wir. dann lachte sie: 'nun mach doch nicht so ein belemmertes gesicht. ist doch ganz natürlich, oder? dazu sind die möglichkeiten der gendiagnostik ja da!'


gen-screening, gendiagnostik, generalangriff, genial! das war es, was sie bezweckte. es war eine attacke. eine attacke auf mich und meine person. sie zweifelte die güte meines erbguts an. stellte meine integrität in frage. meine tauglichkeit als zeugungspartner. das ging an die substanz. ich kam mir vor wie ein primatenmännchen im auswahlverfahren. grüsse, körperbau, stimme, auftreten, sozialer rang. alles äusserlichkeiten. aber jetzt ging's ans eingemachte. gen-check! na gut, meine liebe, aber so billig wirst du nicht davonkommen. ich ging zum gegenangriff über.


'ich habe da keine bedenken, mein schatz. bei mir ist alles o.k. und wie sieht es bei dir aus? es ist wohl selbstverständlich, dass du deine gene auch screenen lässt. schliesslich lege auch ich wert auf einen gewissen standard bei meinem nachwuchs.'
das messer fiel klirrend zu boden. sie starrte mich aus ihren grossen, braunen augen an, die ich so liebte. 'ach, plötzlich!', zischte sie. 'als ob dich meine gene interessieren würden! das ist revanche, reine schikane. du wärst doch nie auf die idee gekommen!' sie rang nach luft. ich nutzte die pause, sehr beeindruckt von meiner gelassenheit.
'dafür bin ich dir auch dankbar. dass du mich darauf gebracht hast. wie sorglos bin ich mit der frage doch umgegangen! purer leichtsinn, wenn ich daran denke.' dabei machte ich eine sehr schuldbewusste mine.
'du scheinheiliger kerl, du mieser heini!' agathe sprang auf. 'na schön. wenn du willst, das sollst du kriegen! ich habe nichts zu befürchten!'


einen monat später hielten wir die ergebnisse in händen. mein gentest war ohne befund. nicht ein hinweis auf den geringsten defekt oder auch nur die möglichkeit einer komplikation beim künftigen nachwuchs. anders bei agathe. da fand sich das risiko eines fremdnamigen syndroms. zu fünf prozent. mit den folgen einer schweren, geistigen behinderung des kindes. alle versuche, sie zu trösten, schlugen fehl. ein lateinischer begriff stand zwischen uns. wuchs wie ein tumor. trieb uns immer weiter auseinander. 


nach einem halben jahr standen wir vor der trennung. agathe hatte sich immer mehr von mir entfernt. obwohl ich mich sehr bemüht hatte, den bruch zu vermeiden. ihr misstrauen war schliesslich stärker gewesen. hinter jedem wort vermutete sie eine anspielung auf ihren genetischen defekt. sie behauptete, ich liesse sie ihre minderwertigkeit spüren. das wurde bei ihr zur fixen idee. sie begab sich in psychotherapie. zweimal ging ich mit. ein drittes mal nicht mehr. die psychotherapeutin hetzte agathe gegen mich auf. ihre wohlgesetzten, hinterhältigen anspielungen gegen mich fielen bei agathe auf den humus der verzweiflung. in meiner not schlug ich vor, wir könnten ja auf kinder verzichten. das fasste sie als letzten beweis meiner geringschätzung auf. sie wäre es nicht wert, mir kinder zu gebären. sie wisse, was sie zu tun habe.


ich war am ende meiner kräfte. jede demütigung hatte ich geduldig ertragen. mit den wochen war mir immer klarer geworden, dass es nicht das ergebnis des gen-tests war, was die veränderung in agathes wesen bewirkt hatte. nein, es war ein lange gefasster plan. sie wollte mich erledigen. sie legte es auf meine zerstörung an. das zeigte schliesslich jede ihrer äusserungen und handlungen. sie genoss meine erniedrigung. je mehr ich mich beugte, desto wilder trampelte sie auf mir herum. die psychotherapeutin war ihre komplizin. wahrscheinlich kannten sie sich von früher. beide waren voll hass auf männer. und ich war als opfer ausersehen. es war ein kampf auf leben und tod. sie würden nicht ruhen, bis sie mich völlig vernichtet hatten.


deshalb war es blosse notwehr. agathe hatte mich wieder aufs blut gereizt. 'nimm dir doch eine andre! das ist es, was du willst. ich werde dir nicht im wege stehen. ich weiss, was ich zu tun habe: ich gehe!' sie lief ins schlafzimmer und warf demonstrativ wäschestücke aus dem schrank aufs bett. ich musste handeln. nicht mit mir. mich erst zu erniedrigen und dann wegzuwerfen wie einen nassen lappen. sie und ihre psycho-tussi würden nicht ruhen. mich nicht in frieden lassen. würden mich weiter quälen. 


es ging alles sehr schnell. ich liess ihr keine gelegenheit zu schreien. schon der erste stich traf ins herz. dann rief ich die therapeutin an und bat sie, zu kommen. agathe habe einen nervenzusammenbruch erlitten und brauche ihre hilfe. sie versprach, sofort zu kommen. in ein paar minuten würde sie an der tür läuten. das messer habe ich im vorzimmer versteckt. in meinem mantel. griffbereit, wenn ich ihr aus dem ihren helfe. und dann kann sie agathe gesellschaft leisten. zum ersten mal seit langer zeit bin ich stolz auf mich. (Diskussion zu diesem Text)


 
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Re: Unser Literatur-Ordner

11.10.2018, 11:30

Joshua betrat das Geschäft und sah sich um. Aus dem Hintergrund näherte sich eine unförmige Gestalt und bedachte ihn mit einem erwartungsvollen Blick. Joshua legte seine Beine auf den Tisch, der ihm dafür geeignet schien. Er sah deutlich, dass der andere geschwebt war, dass er offenbar über keine eigenen Beine verfügte und sich nur leicht in der Hüfte bewegt hatte, die Bewegung des Gehens andeutend. Joshua lachte höhnisch auf, obwohl er das eigentlich nicht vorgehabt hatte. Er wollte den anderen nicht kränken, soviel stand fest, es war ihm oft genug eingebläut worden, dass man sich nichts anmerken lassen sollte, aber einfach war das nicht. Er hoffte, dass der andere seine Entgleisung nicht gemerkt hatte. Joshua war es, trotz aller Schwierigkeiten, bisher gelungen, seine Gliedmaßen im wesentlichen zusammen zu halten. Da war es wohl verzeihlich, wenn ihm der Stolz darüber - was nicht oft vorkam - gelegentlich zu unbedachten Äußerungen verleitete. 
Er schob seine Beine zur Tischkante und fuhr mit der Hand leicht über die linke Bügelfalte, wo sich etwas Staub angesammelt hatte. Er drehte die Beine so, dass der andere die staubige Stelle nicht sehen konnte, dass es sich wenigstens nicht aufdrängte. Vielleicht hätte er die Hose noch einmal vorher bügeln sollen, dachte er. Dann wäre ihm der Staub bestimmt aufgefallen und er hätte ihn entfernen können. 
Aber der andere tat zumindest so, als hätte er nichts bemerkt. 
"Dreihundert!" sagte er.
Joshua wusste, daß das nicht wenig war. Jedenfalls für den ersten Versuch. Andererseits - wenn er ehrlich mit sich war - hatte er sich mehr vorgestellt. In gewisser Weise war er enttäuscht.
In einem Anflug von Trotz raffte er die Beine an sich und verließ das Geschäft. (Quelle: hier)


 
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Re: Unser Literatur-Ordner

26.10.2018, 17:35

Ein wackerer Text zur Nacht, in der die Bösen verjagt werden; mancherorts heißen sie auch Hexen:

der dichter ist ein garstig wesen
mit flusen im bauch
garnelen im kopf
er reitet manchmal auf einem besen
frißt grünen lauch
hat läuse im topf
und dann im mondschein 
der kleinen lampe
da schreibt er plötzlich
mit zittriger hand
einen rosenbogen
eine kleine hexe
ein blutendes herzelein
an die wand


 
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Shakespeare: Sommernachtstraum

18.11.2018, 11:24

Nach einigen Jahren besuchte ich einmal wieder das magdeburger Theater. Ich wollte Shakespeares "Sommernachtstraum" sehen. Das Spektakel dauerte rund drei Stunden. Das war nicht das Positive. Das Positive bestand in dreierlei:
1. einem gelungenen Bühnenbild;
2. einzelnen schauspielerischen Leistungen und 
3. ausgezeichneten Bühnenmusikern.
Das übrige war grauenhaft. Ich möchte die Interpretation des weltberühmten Stücks eine feministisch-verschwitzte Shakespeare-Verhunzung nennen. Die männlichen Rollen traten als Fratzen ihrer selber auf: tüllröckchenbehangen oder pompös, zuweilen bierbäuchig oder als Gestellbolzen aus einem 30er-Jahre-Film - drastischer Naturalismus mit der Kraft eines ausgemergelten Nachkriegskörpers. Nur eine Figur stach heraus: Oberon. Der aber war der Bösewicht an der Spitze der Hackordnung: ohne jede innere Spannkraft: verlogen zugleich, dogmatisch und nutzorientiert. Wahrlich, kein Held.
Die weiblichen Rollen dagegen besaßen eine beinahe überbordende Lebendigkeit, doch ohne alle Grazie, ohne Eingefühltheit in die Nöte der Figuren, die doch gerade das bei Shakespeare besitzen. Sie waren männlich gestrickt, ohne jedoch ausgewogen und zugleich zielgerichtet in ihrem Wollen als Heldinnen wirken zu können. Entmannte Weiber, wenn ich es so sagen möchte. Pinkfarbiges Tütü oder bauchfreie Halbkostüme, so zwischen Fitneßstudiobesuchsaufmachung und grellbunter Legerie schangelnd, stapften oder hangelten sich samt ihren menschlichen Inhalten an dem Globe-Rondell herum oder hindurch, immer auf der Suche nach wem oder was. Ja, natürlich ist Shakespeares Stück ein Vexierspiel aus wahrer Liebe, arrangierter Liebe, Liebesverwirrung, Staatsräson und einem vorweggenommenen Phantasiestück in Callots Manier, wobei die Betonung auf hexenkessliger Invarianz oder so liegt, aber eben weil das allein in den Fokus gerückt wurde, fehlt es an dichterischer, an verdichteter Grundierung, ohne die doch Humor nicht erzeugt werden kann. Wo bleiben die tragischen Momente, ohne die keine Komödie vor dem inneren Auge eines aufmerksamen Theaterfreundes bestehen könnte, wo sind sie , die Momente tiefer Traurigkeit, ohne die das Hohelied der Liebe, das doch gelegentlich angestimmt wurde, substanzloses Gequarre bleibt? Ich traue es den besonders sympathischen Schauspielern Carmen Steinert (Puck) und Maike Schroeter (Helena) zu, auch die dunklen Seiten ihrer Rollen wiedergeben zu können - allein, sie blieben oberflächliche Karikaturen der Originale.
Wenn es eines Beweises bedurft hätte, daß unsere Theater nicht mehr in der Lage sind, intellektuell spannende Stücke auf die Bühne zu bringen, weil es ihnen schlichtweg an eben derselben intellektuellen Spannkraft fehlt, dann dieses. Hübsche Aufmachungen, zum Teil gute künstlerische Leistungen (musikalisch, gesanglich und auch hinsichtlich der Raumaufteilung) und ein formidables Bühnenbild, das zwischen Vergangenheit und Gegenwart changierte und dabei genug Spielfläche und -möglichkeiten bot, geben zwar eine gute Voraussetzung für ein Spiel, auch ein komödiantisches Spiel wie den "Sommernachtstraum", aber wenn es an innerer Spannkraft fehlt, Möglichkeiten auch als solche auszuspielen, dann wird ein Klamauk daraus, der zwar (auch mich) gelegentlich erfreut und die Fratzen unseres Daseins spiegelverkehrt zum Bewußtsein bringt, aber am Ende doch eher ein Unbehagen zurückläßt, eben nicht kathartisch wirkt, sondern vielmehr primitive Instinkte anspricht.


 
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Re: Unser Literatur-Ordner

08.12.2018, 06:58

Diesen Adventsgruß schrieb Patina:

ein einzelner Engel noch
hängt am kahlen Baum

und lacht

wie kann er lachen
wenn der Vogel unten liegt


Ich hoffe, wir liegen nicht mehr lange unten.


 
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Eberling

01.01.2019, 16:42

Ein Texteines BVB-Fans, der mir vor Jahren bei einem Besuch in MD stolz seine Stehtribünenkarte zeigte. Ich fand, 100 € seien viel Geld für eine Jahreskarte.

Als ich Eberling zum erstenmal sah, mußte ich an den Zeichentrickhund Spike denken, Sie wissen schon, dieses beigefarbene Muskelpaket aus Tom & Jerry. Er wurde mir vom Vorstand unserer Firma als mein neuer Chef vorgestellt, und ich befürchtete schlimmes für meine weitere Karriere. Auf seinen kurzen, stämmigen Beinen, die zu erstaunlich großen Schritten fähig waren, saß der Rumpf eines Gorillas; aus dem gewaltigen Gesicht blickten mich wimpernlose Schweinsäuglein mit schwitzender, zu allem entschlossener und vor Tatendrang fast berstender Fröhlichkeit an. Er atmete, als müsse er die Luft vernichten, nein, als müsse er ihr wehtun, um seine Körperfunktionen aufrechtzuerhalten. Jedes Heben seines Brustkorbs war eine Kriegserklärung an die ganze Erdatmosphäre. Eberling ließ meine Hand in seiner verschwinden und nannte seinen Namen, während er mir fast die Knochen brach. Ich nannte meinen, versuchte zu lächeln und überlebte diesen Tag.


Nach einigen Wochen lud er mich und zwei meiner Kollegen zum Essen ein. Wir hatten ein paar Tage zuvor gemeinsam ein Seminar zum Thema Modernes Management besucht, und Eberling sprühte nur so vor neuen Ideen: "Wir müssen mal Tacheles reden, meine Herrn, und das tut man am besten bei einem guten Happen und einem frisch gezapften Bier."
Tacheles war sein Lieblingswort. Er gebrauchte es bei jeder Gelegenheit und legte großen Wert darauf, jemand zu sein, der nicht um den heißen Brei herum sondern eben Tacheles redet. Natürlich erwartete er auch von seinen Mitarbeitern, daß sie Tacheles redeten, auch und gerade mit ihm - "Immer frei von der Leber weg und raus mit der Sprache!" Ob er wußte, daß sich gerade deshalb niemand traute, dies zu tun, ließ sich schwer sagen.
Wir warteten, wie verabredet, vor den Bürgerstuben. Schröder und ich trugen das, was wir immer trugen, während Knickrath sich in Schale geworfen hatte und in seinem dunkelgrauen Anzug wie ein zu groß geratener Konfirmand aussah. Mit einer Verspätung von höchstens zwei Minuten sahen wir Eberling auf der gegenüberliegenden Straßenseite seinen 7er BMW parken und uns zuwinken. Er stieg aus und bretterte über die Straße, als sei der Asphalt sein Feind - jeder Schritt ein Verstoß gegen die Haager Landkriegsordnung, sein Gesicht ein Schlachtfeld, auf dem fröhlich und gutgelaunt gemetzelt wurde. Er begrüßte uns, klatschte in die Hände und rief: "So, meine Herrn, dann wollen wir mal!" Bei ihm mußte alles einen fest umrissenen Ausgangspunkt haben, die Dinge durften nicht einfach so nahtlos fließend ineinander übergehen, und er mußte derjenige sein, der sie ins Rollen brachte.
Ich stellte mir Eberling beim Sex vor und vermutete, daß jede Phase des Liebesspiels von ihm mit einem Fanfarenstoß eingeleitet wurde.
"Mit dem Essen warten wir noch, bis meine Frau kommt", sagte er, "aber jetzt gehen wir erst mal was trinken!"
Ich sah Schröder an, Schröder sah mich an, denn von Eberlings Frau war nie die Rede gewesen. Eberling wuchtete die Tür zum Restaurant auf und vereinnahmte die Räumlichkeiten. Wir wurden an unseren Tisch geführt und bestellten vier Bier. Eberling trank sein Glas in einem Zuge aus, wischte sich den Schaum vom Mund und bestellte vier neue.
"Die alten Strukturen!..." sagte er und nahm einen weiteren großen Schluck, "die alten Hierarchien und Denkgewohnheiten!..." - seine rechte Hand vollführte eine parallel zur Tischplatte verlaufende Bewegung, die wie ein horizontaler Schnitt durch einen großen Käse aussah -, "Schluß damit!" Wir nickten. Eberling schien mit sich und der Welt zufrieden zu sein.
"Die alten Zöpfe müssen ab!" fuhr er fort, "wir sind ein modernes Unternehmen, und der Vorstand läßt keinen Zweifel daran, daß... ich meine...!" Wir nickten immer noch.
"Eigenständiges, verantwortungsbewußtes Handeln!" sagte er langsam und würdevoll.
"... und Denken", ergänzte Knickrath kleinlaut. Er komplettierte damit das Zitat des Seminarleiters. Wäre der Satz auf seinem eigenen Mist gewachsen, hätte er sich nicht getraut, ihn zu sagen.
"... und Denken!" pflichtete Eberling etwas gelangweilt bei, ohne Knickrath eines Blickes zu würdigen. Knickrath bebte vor Glück und seine glänzenden Augen huschten von einem zum anderen.
"Gut!" sagte Eberling und blickte verträumt ins Nirgendwo, als hätte er nun die wichtigsten Punkte des Abends geklärt. Wir stießen miteinander an (ein Ritual, das ich hasse, aber Eberling bestand darauf), tranken, seinem Beispiel folgend, wie Verdurstende, und bestellten die nächste Runde.
Aus einer plötzlichen Inspiration heraus erzählte ich einen schmutzigen Witz, weil das Schweigen nach Eberlings Vortrag etwas unangenehm wurde. Eberling hörte gespannt und mit glühenden Augen zu, vibrierte am ganzen Körper, und ich sah, daß er eigentlich nicht wirklich zuhörte sondern nur auf die Gelegenheit wartete, selbst ein paar Kalauer, die ihm auf der Zunge lagen, zum besten zu geben. Der Witz war miserabel, und ich versaute auch noch die Pointe, aber Eberling brüllte los und die anderen brüllten hilflos mit. Sein Lachen war weniger Ausdruck wirklichen Humors (er hatte keinen, jedenfalls keinen, der diese Bezeichnung verdiente), sondern eher eine Art Nichtangriffspakt, den er auf diese Weise anbot. Allerdings hielt ihn dieses Angebot nicht davon ab, mir seine tennisschlägergroße Hand mit solcher Wucht auf die Schulter zu dreschen, daß es mir fast den Arm ausgekugelt hätte. Ich hatte einen Freund gefunden, soviel stand fest.
In den folgenden zwanzig Minuten erquickte er uns mit einer Flut von Witzen, die größtenteils von in den Puff kommenden Männern und von zum Arzt kommenden Frauen handelten. Das Lachen wurde immer mechanischer, aber niemand traute sich, die Lautstärke unter die einer startenden Concorde zu senken. Nur Knickrath schien sich wirklich zu amüsieren.
Eberling war bereits angeheitert, und als Knickrath mal zum Klo ging, überraschte er mich mit einer völlig anderen Seite seiner Persönlichkeit: "Das Theater", sagte er, "ja, das Theater! Die Firma ist... ja! - Aber das Theater!..." Ich trank den Rest meines fünften Bieres und sah plötzlich jemanden vor mir, der in Eberlings grobschlächtiger Erscheinung gefangen zu sein schien. "Und auch die Kunst und die Literatur," sagte er und machte ein paar unsichere Handbewegungen, als wolle er nach etwas greifen, das nicht greifbar war, "... die... ach! Manchmal, ja... manchmal denke ich... nun ja, der Mensch... das Leben..." Er sah mich verzweifelt an, als hoffe er, daß ich den Gedanken verstanden, aufgegriffen und für ihn weitergedacht habe, und irgendwie hatte ich das auch. Dieser neue Eberling hatte was Abstoßendes, aber ich sah ihn trotzdem in einem anderen Licht. Da war jemand, dem er nur äußerst selten gestattete, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren, und irgendwie hatte das war Rührendes, obwohl ich mich von Eberling nicht rühren lassen wollte.


Als ich seine Frau sah, verdichtete sich das Bild des neuen Eberling in mir. Ich hatte mir einen feisten Hausdrachen vorgestellt, aber es war ein ätherisches Wesen, das die Bürgerstuben betrat, und ich wußte sofort, daß diese Frau das verkörperte, was mein Chef in seinem tiefsten Innern gern gewesen wäre - ein kultivierterer, ein grazilerer, ein feinstofflicherer Eberling. Sie schwebte durch den Raum mit ihrer spröden, äschernen Erotik, grüßte kurz, fast lautlos, und setzte sich an unseren Tisch.
Die Atmosphäre bekam eine andere Farbe, einen anderen Klang. Es wurde stiller und beunruhigender, nachdem sie aufgetaucht war, und es war eine Erleichterung, als der Kellner endlich das Essen brachte. Eberling war ganz Mund, ganz Kiefer, ganz Kauen und Schlucken, während er die vor sich aufgetürmten Fleischberge verschlang; seine untere Gesichtshälfte erstrahlte fettgleißend im gedämpften Licht. Seine Frau, die sich mit einem kleinen Vorspeisenteller begnügte, machte ein spitzes Mündchen und kaute nur mit den Schneidezähnen, als wolle sie die feste Nahrung möglichst lange von sich fernhalten. Sie ließ das Essen nur widerwillig in die tieferen Regionen ihres Körpers vordringen und schaute bei jedem Schlucken ein wenig verzweifelt drein, als habe sie sich bewußt einem Akt der Vergewaltigung ausgesetzt. Einmal sah sie mir für den Bruchteil einer Sekunde mit ihren großen braunen Augen direkt ins Gesicht. Es lag nichts greifbares in diesem Blick, nichts, das wirklich Substanz besaß, nur eine irgendwie verrückt in sich selbst ruhende, fleischlose Weisheit, und jenseits davon... ich weiß es nicht, vielleicht eine unstillbare und alles verschlingende Sehnsucht, die ums überleben kämpfte. Trotzdem wußte ich, daß etwas passieren würde. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, vielleicht nicht in drei Wochen. Aber es würde etwas passieren.


Es passierte ein halbes Jahr später, als Eberling geschäftlich im Ausland zu tun hatte. Sie rief mich auf der Arbeit an, und wir verabredeten uns für denselben Abend in einem Hotelzimmer, das sie gebucht hatte. Sie sagte nicht viel; das einzige, was ich aus ihr herausholte, bevor wir uns wie die Irrsinnigen liebten, war, daß sie litt, daß sie ihr Leben als eine unglaubliche Strafe empfand. Was sie danach mit mir veranstaltete, war für mich alles andere als eine Strafe. Ich glaube, sie war tatsächlich ein bißchen verrückt.
Wir trafen uns von nun an bei jeder sich bietenden Gelegenheit, und als Eberling uns erwischte, trafen wir uns zum erstenmal in ihrer Wohnung, die bis dahin Tabu gewesen war. Ihr Körper war warmer Marmor und brachte Saiten in mir zum Schwingen, von denen ich nicht gewußt hatte, daß sie überhaupt existieren. In dem ekstatischen Taumel, der unsere Treffen fast immer begleitete, hatte ich mich ihr blasphemisch genähert, als Eberling plötzlich mit einer Plastiktüte mit der Aufschrift Nordstadt Grill im Türrahmen stand.
Eberling brüllte, nachdem ihm klargeworden war, was er da vor sich sah, aber es waren keine Worte, die er brüllte, sondern unartikulierte Laute, denn Worte standen ihm scheinbar nicht zur Verfügung. Ich zog die Decke bis zu meinem Hals hoch, und Eberling zog seine Frau an den Beinen aus dem Bett, bis sie nackt vor ihm auf dem Boden saß - nackt und blaß und wunderbar. Er brüllte noch immer, und nur mit Mühe konnte ich Worte wie "Schlampe", "Hure", und "Flittchen" heraushören. Dann setzte Schweigen ein, und die Szene wurde gespenstisch.
Nach einer Ewigkeit richtete sie sich auf, und in ihrem Blick lagen eine Wut und eine Entschlossenheit, die ich ihr niemals zugetraut hätte. Sie schleuderte ihre Arme nach hinten, warf den Kopf nach vorn und kreischte in einem alles durchdringenden Sopran: "DUUU... MANN!" Es klang, als wäre "Mann" die ungeheuerlichste Beleidigung, derer sie fähig war, und sie verfehlte nicht ihre Wirkung, denn Eberling zuckte erschrocken zusammen. "DU MANN! - DUUU... DU GROBER KLOTZ!" schrie sie, und Eberling wankte, begann zu straucheln und taumelte rückwärts in die Küche. Nach einigen halbherzigen Versuchen, das Gleichgewicht wiederzufinden, ging er schließlich zu Boden, und dort saß er nun und starrte seine Frau aus großen, ungläubigen Augen an. Eberling weinte!
"DUUU...! - IMMER NUR FRESSEN UND FRESSEN, IMMER NOCH MEHR UND NOCH MEHR UND NOCH..."
Sie hielt mit wildem Triumph einen Packung Reis in der Hand und warf ihm den ersten Kochbeutel ins Gesicht, dann den nächsten. Er brüllte vor Schmerz, versuchte, sich mit den Händen zu schützen, aber der dritte Kochbeutel traf seine Stirn.
"JAAA!" schrie er seinerseits, "ich bin ein grober Klotz, ja, JAAA, ich bin ein MANN!" - Das scheinbar brutalste Eingeständnis seines Lebens. "Immer nur fressen", wimmerte er, "und immer noch mehr und mehr und mehr..."
Er griff in die Plastiktüte mit der Aufschrift Nordstadt Grill und brachte eine riesige Grillhaxe zum Vorschein. Er schlug sie sich auf den Kopf, immer und immer wieder, in immer kürzeren Abständen und immer fester, während er sich selbst beschimpfte. Seine Frau hatte einen der Kochbeutel aufgerissen, griff hinein und bewarf ihren Mann mit losem Reis. Er heulte auf, als sei eine Ladung Schrotkugeln auf ihn niedergegangen, aber es gab kein Mitleid, kein Erbarmen. Sie hatte die letzten Hemmungen wie eine tote Larve abgestreift, jahrelange Entwürdigungen, Unterdrückungen und tiefsitzender Schmerz brachen vulkanartig aus ihr hervor, und nun war es blanke Mordlust, die sich in ihrem Blick spiegelte. Sie bewarf ihn mit Teebeuteln, schüttete ihm Milch über den Kopf und stach mit Spaghetti auf seine Oberschenkel ein. Eberling suhlte sich in Schmerz und Selbstanklage, während er die Haxe, von der sich allmählich das Fleisch zu lösen begann, immer und immer wieder auf seinen Schädel niedersausen ließ. Schließlich war es der nackte Knochen, mit dem er sich für seine das Antlitz der Erde beleidigende Existenz bestrafte; es floß Blut und er wurde bewußtlos, aber mit letzter Kraft hieb er ein letztes mal auf sich ein. Dann wurde es still, und nur Entsetzen lag noch in der Luft.


Ich verließ die Wohnung wie in Trance. Ich wußte, daß Knickrath mein neuer Chef sein würde, und Knickrath hatte kein zweites Gesicht, da war ich sicher.


 
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Begegnung mit dem Tod

19.01.2019, 11:35

Bei mir zu Gast (uisgeovid)


Neulich, als ich von der Arbeit nach Hause kam,
erblickte ich in meinem Wohnzimmer
den Tod auf dem Sofa.


Ich stutzte,
ließ mir jedoch nichts anmerken.


Ich sei erfreut, seine Bekanntschaft zu machen,
heuchelte ich,
hätte aber im Moment keine Zeit,
mich ihm ausführlich zu widmen,
wie es die Gastfreundschaft gebiete.


Oh, er wolle sich auf keinen Fall aufdrängen,
fiel er mir gelassen ins Wort,
sitze auch nur spaßeshalber auf meinem Sofa,
obwohl er schon Lust hätte,
noch ein wenig zu bleiben,
wippte dabei in den Polstern,
streifte artig seine Kapuze zurück
und klopfte einladend auf die Kissen neben sich.


Ich ließ mich also überreden
und kochte schnell Kaffee.


Er trank ihn schwarz,
aber mit viel Zucker
und löste sich auf
nachdem wir eine geraume Weile
über Gott und die Welt geredet hatten.


Im Zimmer wurde es merklich kühler.


 
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Re: Unser Literatur-Ordner

20.01.2019, 00:18

Ich weiß das dir der FCM sehr viel bedeutet . Bist einer von den ,,Alten ,,  Ick och ... Lese auch immer deine Beiträge . Ich meine jetzt den L. Ordner . Manchmal steige ich nicht dahinter.Aber jetzt das Ding mit dem tot na ja ... gehts dir gut  AERO ? Was solls ......EINMAL IMMER !!!


Empfang der EC- Helden auf dem Alten Markt, ich war dabei!
 
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Re: Unser Literatur-Ordner

20.01.2019, 09:31

Danke der Nachfrage, garfield. Alles gut. Der Tod ging doch wieder. Man muß ihm Kaffee kochen (weckt die Lebensgeister), über Gott parlieren und reichlich Zucker geben, so und so, dann verschwindet er wieder. So einfach ist das.


 
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Eismanns Wille

12.02.2019, 11:13

passend zur Winterzeit, eine gruslige Kurzgeschichte meines augsburger Spezies 

Eismanns Wille (Klammer)


Du willst wissen, wie ich Eismann traf?
Weißt du, ich saß an diesem warmen Nachmittag spät und erschöpft hier auf meiner Bank im Stadtpark. Ich war unschlüssig, was ich mit dem Abend noch beginnen sollte. Eismann setzte sich schwerfällig neben mich. Bevor er etwas sagte, konnte ich ihn riechen: Er war eine Mischung aus vielen Gerüchen, sehr viel Seife war dabei, ein wenig Urin, Sandelholz und Abgestandenes, Fauliges. Und noch viel mehr, für das ich keine Worte habe. Er begann sofort ein Gespräch; das heißt, er sprach auf mich ein und ignorierte meine abweisende Haltung. Ich wand den Kopf dort hinüber, weg von ihm, der aufdringlichen, grauen Masse, die ich nicht sehen, mit der ich einen Augenkontakt vermeiden wollte.
Dort drüben, auf dem kurzgeschnittenen, gelbverbrannten Rasen, liefen ein paar Kinder umher. Sie waren verbissen bemüht, einander Weh zu tun. Sie stießen sich immer wieder gegenseitig zu Boden. Kein Kind lachte, keines weinte. Sie waren vollkommen eins mit ihrem Spiel. Nur selten wurde eine der hellen Stimmen laut, die dann zornerfüllt herüberklang.
Der Mann neben mir sprach laut, aber was er sagte... glaube mir, das weiß ich nicht mehr. Vielleicht sprach er vom schwülen Wetter, vom unregelmäßigen Betrieb der Straßenbahnen, von Gott. Gleichgültig, er redete und ich nahm das Geräusch wahr, das er machte. Es war mir nicht unangenehm, es störte mich nicht, es unterstrich das seltsame Spiel dort auf der Wiese in angenehmer Weise, wie Musik. Es war wie eine Beschwörung, die die Kinder anfeuerte, einander Schmerzen zuzufügen. Dann erschreckten sie und rannten dort hinunter, an den Birken vorbei in die Büsche. Eismann hatte aufgehört zu reden. Jetzt, nachdem die Kinder nicht mehr zu sehen waren, war das auch nicht mehr notwendig.
Ich sah ihn an. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich in diesem Augenblick erschrak, aber ein weiches, schwammiges Durchsacken im Unterleib empfand ich doch: Eismanns Gesicht ist zerstört, aufgedunsen, eine offene, brennende Wunde. Wie kann ich ihn beschreiben? Eismann ist eben er selbst. Als er lächelte, wurde mir übel. Dennoch betrachtete ich ihn weiter, es war mir nun gar nicht mehr möglich, etwas Anderes zu tun. Er trug dem warmen Tag zum Trotz ein abgenutztes, dickes Wolljackett und dazu eine fleckige, helle Hose. Sein Bauch quoll wie warme Hefe hervor, und über dem Gürtel spannte sich das Hemd zu grotesken Falten. Durch diese Körperfülle sah es so aus, als würde er auf der Bank nicht sitzen, sondern halb auf ihr liegen. Ich denke nicht, dass es ihm bei seiner Leibesfülle möglich ist, seine Arme vor sich zu verschränken.
So sah ich Eismann. Es war sehr still, als wir uns begutachteten.
Hier links ging eine Frau, mit ihren hohen Schuhen schwamm sie ungelenk mit den Armen rudernd durch den Kies. Sie hatte den Blick starr von uns gewandt. Ich sah sie aus den Augenwinkeln, ohne den Kopf zu drehen, denn ich betrachtete mit einer Mischung aus Interesse und Abscheu weiterhin mein Gegenüber. Ich konnte meine Augen nicht schließen oder sie auch nur senken, du verstehst. Da waren noch einmal Schritte und eine auffällige Krawatte, nein, ein Taschentuch, mit dem jemand, ich glaube, ein Mann, über seinen feuchten Mund fuhr, vielleicht noch eine Kamera, ich bin mir nicht sicher. Aber auch dieser Mann war schnell an unserer Bank vorbei; er schlenderte langsam hinter der Frau her.
Eismann sagte seinen Namen, wiederholte ihn mehrmals, bis ich ihn verstand. Ich wollte in diesem Moment bestimmt lachen, das weiß ich bestimmt. Aber obwohl meine Bauchdecke krampfend zuckte, gelang es mir nicht, auch nur die Mundwinkel zu heben. Eismann schüttelte sachlich und deutlich missbilligend den Kopf. Er fragte mich, ob ich ihm aufhelfen könne. Er fühle sich in der letzten Zeit sehr erschöpft.
Ich ging zurück ins Zimmer, das war dann etwas später. Ich wohnte in einem Hotel, in einer billigen Absteige in der Bahnhofsnähe. Du wirst sie nicht kennen. Am Empfang wurde ich von ein paar Leuten überrascht gemustert, aber niemand versuchte, mich aufzuhalten. Ich ließ die Tür meines Zimmers hinter mir geöffnet, damit Eismann nachkommen konnte. Der Raum war nicht groß, gerade ein Bett, ein Schrank und ein kleiner Schreibtisch hatten Platz gefunden. Meinen Koffer hatte ich noch nicht geöffnet, da ich erst mit dem Morgenzug angekommen war und ich mich sogleich in meiner neuen Firma vorgestellt hatte. Der Brief lag deshalb noch so auf dem Bett, wie ich ihn dort liegengelassen hatte. Sein Inhalt war der einzige Grund, aus dem ich in dieser Stadt eine Arbeit angenommen hatte.
Den Brief habe ich erwähnt, weil Eismann zielstrebig auf das Bett zusteuerte, sich ächzend niederfallen ließ, ihn in seine fetten Finger nahm und las. Als ich das sah, hatte ich einen bewussten Moment und erkannte, was um mich vorging. Eismann war einen Nu unaufmerksam gewesen. Ich wollte ihm das Papier eilig aus der Hand reißen und ihm damit ins Gesicht schlagen, wieder und wieder, hinein in die Wundmale. Ich wollte ihm in den Unterleib treten, bis sich dieses Ungeheuer zu meinen Füßen auf dem Teppich wälzte. Du musst mir glauben, ich versuchte es und ging auf ihn zu, hob bereits die Hand zum Schlag. Aber es war mir nicht möglich. Mitten in dieser Bewegung zögerte ich, durch einen Blick von Eismann bezwungen. Ich war nur mehr dazu fähig, mich neben ihn zu setzen und die schorfigen Ränder seiner Narben zu streicheln. Ich hatte jetzt einen starken Brechreiz, aber ich beendete meine zärtlichen Bewegungen erst, als er den Brief nahm, ihn zerknüllte und achtlos zur Seite warf. Dann nahm er mit seinen weichen, schweißnassen Händen mein Gesicht. Er gab mir einen Kuss auf die Stirn.
"Nicht jetzt", sagte er. Ich weiß es genau. Er sagte: "Nicht jetzt. Lass uns vorher etwas Essen gehen. Und dann erzählst du mir von deiner Frau und warum sie dir den Brief geschrieben hat."
"Zwischen uns beiden klappt es einfach nicht mehr so richtig. Wir haben uns, wie nennt man das?, auseinandergelebt. Und dann hatte ich auch noch diese kleine Affäre mit dem Mädchen aus dem Nebenhaus. Das war nichts Ernstes, wir haben nur ein paar Mal miteinander geschlafen, aber meine Frau hat es erfahren. Jetzt redet sie von Scheidung. Ich dachte, es wäre das Beste, wenn ich diese Arbeit hier annehmen würde und ein paar Wochen Abstand schaffen könnte", sagte ich. Ich saß in dem Lokal unten am Ende der Straße beim Brunnen und war erschrocken, wieviel ich Eismann erzählte, der einen bemerkenswerten Appetit offenbarte. Man hatte uns gezielt in einen leeren Nebenraum geführt, der wahrscheinlich für Gesellschaften gedacht war, aber wir wurden schnell und zuvorkommen bedient. Der Kellner war zu Eismann freundlicher als zu mir. Er brachte ihm unaufgefordert nach dem Essen mehrere Klare, die Eismann wie selbstverständlich annahm. Eismann hörte mir kaum zu, ich merkte ihm an, dass ich ihn mit meinen Ehegeschichten langweilte, aber er unterbrach mich nicht und solange er das nicht tat, sprach ich weiter. Ich fühlte mich dazu gezwungen. "Gezwungen", das ist genau das richtige Wort.
"Am meisten leidet unsere Tochter an diesem Zerwürfnis. Sie hat schnell gemerkt, dass zwischen uns etwas nicht in Ordnung ist. Sie werden das verstehen, sie ist noch zu jung, um unseren Streit zu begreifen. Das ist so, sie meint, wenn ihre Eltern sich nicht mehr lieb haben, dann haben sie ihre Tochter auch nicht mehr lieb. Das ist in ihrem Kopf drin, festgefressen, das geht nicht raus. Sie ist im Augenblick nicht fähig, in die Schule zu gehen, wir haben sie vom Unterricht befreien lassen müssen. Sie ist trotzig, aggressiv und weint häufig grundlos. Sie ist hysterisch. Wir waren bei einem Psychologen. Der hat vorgeschlagen, sie ohne Eltern auf Erholung zu schicken, in ein Kinderdorf. Aber da sind wir uns einig: Meine Frau will das nicht und mir ist es auch peinlich."
Endlich lehnte sich Eismann zurück und bearbeitete mit einem Fingernagel seine fauligen Zähne. Als er die Fleischfaser erwischt hatte, die hängengeblieben war und ihn gestört hatte, musterte er sie eine Weile aufmerksam. Dann fuhr er seine breite, feuchte Zunge heraus und leckte genießerisch über seine Fingerkuppe. Er machte einen zufriedenen Laut. Ich redete noch immer, aber jetzt unterbrach er mich, fragte zudringlich. 
"Was soll ich sagen, das wird bei allen ähnlich sein. Am Anfang der Ehe, bevor das Kind kam, war es vielleicht anders; vielleicht auch nur häufiger, ich weiß nicht. Das ist nicht bedeutend für unsere Beziehung, zumindest bestimmt nicht das Bedeutendste. Ich meine, das kann nicht der Grund für unsere Trennung sein. Aber natürlich, es kann sein, dass sie gelitten hat. Bei dem Mädchen vom Nebenhaus war es ebenso, da war kein Unterschied, die gleichen Bewegungen, die gleichen Worte. Nur... mit dem Mädchen konnte ich danach reden. Ich wusste etwas zu sagen. Sie konnte zuhören."
"Sei still", sagte Eismann. Ich schwieg erleichtert, winkte dem Kellner, der schon seit geraumer Zeit in der Nähe wartete. Ich bezahlte für uns beide. Weißt du, ich fühlte mich verpflichtet, ihm ein anständiges Trinkgeld zu geben. Danach stellte ich fest, dass ich nur noch kleine Münzen in der Brieftasche hatte. Was ursprünglich drei Tage hatte reichen sollen, war durch dieses eine Abendessen bereits erschöpft. Eismann strich langsam das Hemd über seinem aufgedunsenen Bauch glatt. Ich war erstaunt, dass die Knöpfe hielten. Mit einer liebevollen Bewegung berührte er seinen Unterleib, kratzte sich im Schritt. Dabei sah er mich mit einem Blick voller Selbstsicherheit und Begehrlichkeit an. Das war einer der seltenen klaren Augenblicke, die ich an diesem Abend hatte. Ich sah ihn so, wie er war: Ich sah den alten, fetten und schmutzigen Mann, sah seine perversen Gelüste und seine Begierden.
Durch die Tür kamen ein paar Leute herein, eine Gruppe, die im großen Gastraum keinen Platz mehr gefunden hatte. Eismanns Blick wanderte erschöpft zu ihnen hinüber. Als sie ihn sahen, war es, als hätte sie jemand mit kaltem Wasser begossen. Sie verharrten unschlüssig, abwartend. Schließlich machte eine den Anfang, sie trat kopfschüttelnd wieder aus dem Raum. Die anderen folgten, zuletzt ein junger Mann, widerwillig, wie von unsichtbaren Fäden gezogen, sich vorsichtig umsehend.
Diese kurze Störung hatte Eismann geärgert, aber als er sich wieder zu mir wandte, lächelte er, verzog sein zerstörtes Gesicht zu einer grauenvollen Maske, die mich an die Teufelsfratzen von Wasserspeiern erinnerte. Ich hatte als Kind nie Angst vor diesen steinernen Ungeheuern, habe sie schon damals als übertrieben empfunden. Jetzt erkannte ich, es waren tatsächlich echte Gesichter. Eismann hatte recht. Natürlich hatte ich Reiseschecks dabei. Sie lagen in meinem Koffer, die Karte bewahrte ich in der Innentasche meines Mantels. Er behauptete, dass er Lokale kannte, wo die Schecks gegen eine geringe Gebühr akzeptiert wurden. Er sagte, ich solle sie holen. Diesmal wartete er draußen vor dem Hotel. Als ich oben im meinem Zimmer war, fühlte ich mich von einer entsetzlichen Last befreit, fast glaubte ich, er hätte einen Fehler gemacht. Aber als ich die Zimmertür fest schließen wollte, war ich unfähig, es zu tun. Kannst du das begreifen? Das Ganze war nur eine weitere Demonstration seiner Macht. Ich nahm mein Scheckheft und die Karte, steckte auch noch das Geld ein, das ich in einer anderen Hose hatte. Eismann hielt mich auch über diese Entfernung unter Kontrolle, zwar nicht vollständig, das merkte ich an der Ruckartigkeit meiner Bewegungen, aber ich musste gehorchen.
Wir gingen in mehrere Lokale und tranken, er viel Bier und ab und an einen Weinbrand, ich trank Nichtalkoholisches, Apfelsaft in der Hauptsache. Eismann wollte, dass ich nüchtern blieb. Wir waren in Ausschänken, in denen er kaum auffiel, heruntergekommenen Buden, die er vermutlich häufig besuchte, da sich niemand über ihn oder auch seine Begleitung wunderte. In dem billigen Stehausschank, dem da unten, wenn man die Straße nach rechts hinunter geht, gegenüber vom Krankenhaus, dort fuhr mir eine stark geschminkte Frau sanft durch das Haar und sie lachte zusammen mit Eismann über meine schüchterne Reaktion.
Wir waren danach wieder auf der Straße, später. Da war Eismann schon betrunken, er wankte nicht, er ging nur noch ein wenig schwerfälliger. Auch seine Sprache war langsamer, er schwitzte jetzt und sein Sandelholzgeruch wurde stärker und süßer. Er stützte sich schwer gegen meine Schulter und flüsterte ein paar Zärtlichkeiten. Dann kam uns ein Paar entgegen, mit einem Kind, einem Jungen, der noch nicht in die Schule ging. Es war spät, gegen Mitternacht. Weißt du, ich dachte noch, um diese Zeit gehöre das Kind doch längst in sein Bett. Der Junge sah uns und erschrak wohl, denn er schrie; er blieb vor uns beiden stehen, stampfte mit dem Füßen und schrie gellend. Das schmerzte in den Ohren. Ich sagte hilflos ein paar Worte. Die Mutter kniete sich zu dem Kind herab, versuchte, es zu beruhigen. Der Vater entschuldigte sich stammelnd. Ich schob Eismann, der nicht eine Miene verzog, weiter. Ich hatte zu Recht Angst vor seiner Reaktion auf diese Belästigung. Denn, schau, als wir schon fast an den Leuten vorbei waren, bewegte er sich plötzlich mit einer Wendigkeit, die ich ihm nicht mehr zugetraut hätte. Er machte einen schnellen Schritt auf den Vater zu, stieß die fassungslose Mutter mit dem Kind beiseite und schlug dem Mann mehrmals fest mit der geballten Faust ins Gesicht, so lange, bis der zu Boden stürzte. Dann trat er ihn. Ich wollte hinzuspringen, dieses Ungeheuer zurückreißen. Aber ich verharrte schweigend. Ich war nicht fähig, mich zu bewegen! Ich sah, dass es der Frau so erging wie mir.
Als der Mann nur noch wimmerte, ließ Eismann endlich von ihm ab. Er hängte sich wieder bei mir ein und wir schlenderten langsam weiter, ganz als wäre nichts geschehen. Irgendwann später, wir waren ein paar Straßen gegangen, waren wir weit genug entfernt. Jetzt wich die Erstarrung der Frau: Ich hörte die Mutter verzweifelt und einsam um Hilfe schreien und das Kind kreischen. Nur durch Eismanns Willen war es mir möglich, gerade weiterzugehen. Dieser Ruf war noch in meinem Ohr, als wir in mein Hotel zurückkehrten. Dort hinten in meinem Kopf, an der Stelle, an der ich noch ich selbst war, wiederholte ich immer und immer wieder von Neuem ein Gebet, das ich als Kind vor dem Einschlafen mit meiner Mutter gesprochen hatte. Ich wusste nur zu gut, dass mich nur mehr dieses Gebet vor dem endgültigen Verlust meiner Person bewahrte. Und obwohl sich alles in mir nach diesem Vergessen sehnte, der gnädigen Umarmung der Besinnungslosigkeit, intonierte ich weiter den simplen Reim. Kannst du das verstehen?
Eismann verschloss hinter mir die Tür. Ich verharrte vor dem Bett Ich wusste genau, was jetzt auf mich zukam. Zu Eismann gehört, dass er mich nie im Ungewissen läßt. Er packte mich von hinten, drückte mich an sich, fest gegen seinen monströsen Körper. Die Hände, mit denen er gerade einen Mann fast tot geschlagen hatte, begannen, mich fordernd zu streicheln. Er drehte mich herum, küsste mich gierig. Ich konnte die flinke Zunge, die ich vorhin im Restaurant bereits bewundert hatte, in meiner Mundhöhle spüren. Ich würgte und jetzt übergab ich mich, der Ekel war stärker als sein Wille. Er stieß mich angewidert von sich und ich erbrach mich auf den Teppich. Ich ging endlich in die Knie, würgte so lange, bis ich nur noch bittergelben Schleim von mir gab.
Eismann saß auf dem Bett und wartete geduldig, bis ich mich beruhigt hatte. Er wirkte nicht einmal überrascht. Dann zog er sich aus und ich musste seinem Beispiel folgen. Nun war mein Magen leer. Jetzt war ich gleichgültig. Eismann griff mich zielstrebig und wir fielen nackt zurück auf das Bett. Er griff und leckte und ich erwiderte die grauenvollen Zärtlichkeiten mechanisch.
"Ich bin rein, ich bin klein, mein Herz ist rein, mein Jesulein, nur du sollst drinnen sein. Ich bin rein! Rein! Mein Gott."


Es ist mir nicht möglich, dir alles zu erzählen, in mir sträubt sich etwas dagegen. Du weißt ja, Eismann ist unersättlich. Da ist so viel geschehen, so viele Gesichter und es ist noch keine Woche her. Ich hause mit Eismann in seiner dreckigen Wohnung, denn längst kann ich das Hotelzimmer nicht mehr bezahlen. Das wird so lange gehen, bis er meiner überdrüssig ist. So wie er deiner überdrüssig wurde... Das ist meine Hoffnung. Jetzt muss ich aber aufhören, zu erzählen, weißt du. Versteck dich besser, denn da kommt eben Eismann zurück, und wir werden jetzt Essen gehen.


 
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Re: Unser Literatur-Ordner

16.03.2019, 09:34

Chanan (von kassandra)


Drei Tage nach der Begegnung mit dem brennenden Mann machte sich Martin auf den Weg zum Chanan.
Er ging, obwohl es gute Gründe gab, das Vorhaben zumindest für einige Zeit aufzuschieben. Der Sommer ging zu Ende, und er mußte dringend in die Stadt, um seine Vorräte aufzufrischen. Außerdem hatte sich einer der Rummdogs verletzt und benötigte ein neues Gelenk. Die Windschutzwand mußte verstärkt werden, und in den Gewächshäusern wartete jede Menge Arbeit.
Dennoch ging Martin.
Er ahnte, daß aus den wenigen Tagen, die er für die dringendsten Arbeiten benötigte, Wochen werden würden, später Monate oder sogar Jahre. Die Erinnerung würde verblassen, und am Ende würde er bei dem Gedanken den Kopf schütteln, daß er sich beinahe tatsächlich auf die Suche nach etwas gemacht hatte, das nur in seiner Vorstellung existierte.
Aber es war kein Hirngespinst, das wußte Martin jetzt. Er hatte Meropes Routenspeicher ausgelesen und tatsächlich einen neuen Eintrag entdeckt. Einen Eintrag, der nicht aus der Navigationseinheit des Mechanowesens stammte. Normalerweise dienten die Routenspeicher der Aufzeichnung zurückgelegter Wegstrecken, eine Art digitaler Ariadnefaden, mit dessen Hilfe die Rummdogs jederzeit den Rückweg finden konnten. Doch zu diesem Eintrag gab es keine passenden Daten ...
Die Tragweite seiner Entdeckung war Martin erst bewußt geworden, als er das Protokoll schwarz auf weiß in den Händen hielt: Es gab sie tatsächlich, und sie waren hier!
Im Grunde hatte er immer daran geglaubt, aber es war der Glaube eines Kindes gewesen - eines Kindes, das etwas geträumt hat und sich wünscht, es wäre wahr. Die gläserne Stadt war ebenso Teil dieses Traumes gewesen wie Emilio Francetti, der Seifenblasenverkäufer. Immer hatte es ein Erwachen gegeben, die Rückkehr in eine Realität, in der es keinen Platz für Dinge gab, die niemand außer ihm sehen konnte. 
Jetzt hielt er das erste Mal in seinem Leben so etwas wie einen Beweis in den Händen, auch wenn dieser Beweis nur aus einem Datumseintrag und einer Kolonne Zahlen bestand. Natürlich konnte er Dr. Fromberg bitten, den Datensatz zu entschlüsseln, aber der alte Mann würde Fragen stellen - Fragen, die Martin weder beantworten konnte noch wollte. Bis heute hatte er erst einen einzigen Menschen ins Vertrauen gezogen, und selbst Anna kannte nur einen Teil der Wahrheit.
Im Grunde war es auch nicht wichtig, wo sich der Ort befand, zu dem ihn Merope führen würde. Entscheidend war vielmehr die Frage, ob er bereit war, sich der Begegnung mit dem Chanan zu stellen ...
Das war es, worüber Martin die letzten beiden Tage und Nächte nachgedacht hatte, nur um zu dem Ergebnis zu kommen, daß er es nicht wußte. „Du wirst möglicherweise Dinge über dich selbst erfahren, die schmerzhaft sind“, hatte die Stimme über den Chanan gesagt. Das klang nach einer weiteren Prüfung. Und Martin war keineswegs überzeugt davon, sie bestehen zu können. Dafür war ihm etwas anderes klargeworden: Wenn er gehen wollte, dann mußte er jetzt gehen, jetzt auf der Stelle. Morgen würde er vielleicht nicht mehr den Mut dafür aufbringen.
Es war noch dunkel, als Martin seinen Rucksack schulterte und hinaus zum Schuppen ging. Winselnd scharten sich die Rummdogs um ihn, doch er nahm nur zwei der Tiere mit: Merope und Taygeta, seine jüngste Anschaffung. Wenn er Hilfe brauchte, konnte er sie mit einer Nachricht zu Flemming schicken.
„Wir sind bald zurück“, versprach Martin und ließ die Schuppentür angelehnt. Er wußte, daß Rummdogs nicht davonliefen.
Es war kalt, der gefrorene Sand hart wie Stein. Nicht mehr lange, und der Boden würde auch tagsüber nicht mehr auftauen. Der kurze Marssommer neigte sich seinem Ende entgegen; bald würde die Kälte die Kolonisten draußen für Monate in ihren Häusern einschließen. Der Treibhauseffekt, auf den die Ingenieure der Marsgesellschaft setzten, ließ auf sich warten.
Weshalb blieb er dann hier? 
Jahrelang hatte Martin diese Frage verdrängt. Er war hier, weil er es so wollte. Punkt und aus. Um so mehr beunruhigte ihn das Gefühl, daß er der Antwort vielleicht näher war, als er sich einzugestehen wagte ...
Er war nervös, so nervös, daß er erschrocken zusammenfuhr, als die beiden Rummdogs an der Windschutzmauer plötzlich stehenblieben. Es dauerte einige Sekunden, bis ihm klar wurde, daß sie auf Anweisungen warteten. Entweder Martin übernahm selbst die Führung, oder er nannte ihnen ein Stichwort, mit dem sie etwas anfangen konnten. „Stadt“ war so ein Begriff, „Flemming“ oder einfach „nach Hause“. Ob das auch auf „Chanan“ zutraf, wußte Martin nicht. Aber das würde er gleich herausfinden. Er rief Merope zu sich, und bemühte sich, den Namen so auszusprechen, wie es die Stimme getan hatte: „Cha-nan“.
Das Tier verharrte reglos und starrte ihn fragend an. 
Hatte es ihn nicht verstanden? Oder gab es am Ende gar keinen Eintrag unter diesem Stickwort?
Plötzlich ging ein Ruck durch den Körper des Rummdogs. Bellend sprang Merope auf und lief in weiten Sätzen hangabwärts. Die Leine straffte sich, und Martin beeilte sich, dem Leittier zu folgen. Taygata schien von dem plötzlichen Aufbruch überrascht. Erst nachdem ihr klar geworden war, daß die anderen beiden nicht zurückkommen würden, setzte sie sich zögernd in Bewegung, hatte aber bald zu ihnen aufgeschlossen.
„Nicht so eilig“, versuchte Martin Meropes Eifer zu dämpfen, die wie ein Jagdhund auf frischer Führte ihrem unbekannten Ziel zustrebte, „Wir haben Zeit.“ Natürlich waren die Worte für ihn selbst bestimmt, Teil einer Illusion, die ihm half, mit der Einsamkeit fertigzuwerden. Er sprach oft mit den Rummdogs, obwohl er wußte, daß sie ihn nicht verstehen konnten. Die Mechanowesen vermochten zwar die Stimme ihres Besitzers zu identifizieren und bestimmte Befehle auszuführen, auf ganze Sätze oder gar längere Ansprachen reagierten sie jedoch nie. 
Merope verminderte ihr Tempo dennoch, aber das war ausschließlich dem Druck der Leine zuzuschreiben, die Martin ein wenig fester angezogen hatte. Sie durften nicht zu schnell werden. Ein Fehltritt, und das Unternehmen war zu Ende, bevor es richtig begonnen hatte. Obwohl sich seine Augen mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt hatten, nahm er die Umgebung nur schemenhaft war. Die Beschaffenheit des Untergrundes vermochte er kaum zu erkennen. Martin besaß zwar eine Nachtsichtbrille, benutzte sie aber nur ungern. Das grünstichige Bild erinnerte ihn an seine Militärzeit. Die leuchtenden Punkte waren damals Ziele gewesen ...
Schmerz, Zorn und Dunkelheit. Seltsam, daß ihm das gerade jetzt einfiel. Die alte Frau hatte recht behalten - falls es eine alte Frau gewesen war. Wahrscheinlicher war, daß sie damit zu tun hatten, auch wenn Martin noch immer nicht wußte, weshalb die Wahl auf ihn gefallen war. Und wenn es doch nur ein Traum gewesen war? Was unterschied einen Traum überhaupt von einem Ereignis, das keine Spuren hinterließ? Martin war damals noch einmal auf den Rummelplatz gegangen, dorthin, wo der bunte Wagen der Wahrsagerin gestanden hatte. Der Platz war verlassen gewesen, und der Junge hatte auch niemanden gefunden, der sich an die Wahrsagerin erinnerte. Schließlich waren ihm Zweifel gekommen, ob es überhaupt die richtige Stelle war, und so hatte er weitergesucht, einen ganzen Nachmittag lang, doch der bunt bemalte Wagen blieb verschwunden. Am Ende hatte er nicht einmal mehr den Mut aufgebracht, seine Freunde zu fragen, was an dem fraglichen Abend überhaupt passiert war. Das Risiko, daß sie möglicherweise etwas ganz anderes gesehen hatten als er selbst, war zu groß gewesen, und so hatte er nie mit ihnen darüber gesprochen ...
Schmerz, Zorn und Dunkelheit. Martin hatte sie kennengelernt, die drei Meere, von der die Wahrsagerin gesprochen hatte. Mittlerweile erschien es ihm auch nicht mehr wichtig, ob die damalige Begegnung tatsächlich oder nur in seiner Einbildung stattgefunden hatte. Es machte keinen Sinn, reale von fiktiven Erinnerungen zu unterscheiden. Manchmal hinterließ ein Traum tiefere Spuren als das am Tage Erlebte, füllte die Erinnerung mit Bildern, die auch nach Jahren kaum etwas von ihrer Intensität verloren. Auch jetzt sah er die Frau mit der Porzellanmaske ganz deutlich vor sich, hörte ihre Stimme und spürte das leichte Kribbeln, mit dem ihre Finger über seine Handfläche glitten. Wer die Nacht kennt, muß den Tag nicht fürchten ... 
Martin schüttelte unwillig den Kopf und atmete tief durch. Er war gerade noch rechtzeitig zurückgekehrt. „Nacht“ war das Stichwort gewesen, das ihn im letzten Augenblick gewarnt hatte. Wovor, das wußte Martin nicht, er wußte nur, daß es etwas Unangenehmes gewesen war, etwas, das er um keinen Preis der Welt noch einmal durchleben wollte. 
In klaren windstillen Nächten wie dieser waren Erinnerungen allgegenwärtig, die eigenen wie die fremden. Es war leicht, der Versuchung nachzugeben, einzutauchen in die Flut der Bilder und Klänge, den wispernden Stimmen zu folgen, die Unerhörtes, nie Gesehenes versprachen. Zu vergessen, woher man gekommen war und wohin man wollte. Es war nicht mehr wichtig, denn alles, was sein würde, war nichts gegen das, was gewesen war.
In Nächten wie dieser schliefen die Menschen unruhig, und es kam immer wieder vor, daß einzelne die Geborgenheit der Wärmekuppeln verließen, einem Ruf folgend, den niemand außer ihnen hören konnte. Die meisten kehrten nie zurück.
In Nächten wie dieser war es leicht, sich zu verlieren ...
Aufgeregtes Bellen riß Martin aus seine Betrachtungen.
„Braves Tier“, murmelte er, als er das Hindernis erkannte, vor dem ihn Merope gewarnt hatte: eine Erdspalte, zwar nur zwei Fuß breit, aber tief genug, um sich darin die Beine zu brechen. Ohne die Rummdogs wäre sein Ausflug hier zu Ende gewesen. Martin war beinahe sicher, daß der Spalt vor ein paar Tagen noch nicht dagewesen war, aber das war kein ungewöhnliches Phänomen. Der Sand war immer in Bewegung, legte Spalten und Risse frei und schloß andere. Das Terrain veränderte sich ständig, deshalb vermieden die Kolonisten nach Möglichkeit nächtliche Ausflüge. Martin wußte zwar, daß er sich auf Merope verlassen konnte, aber es war dennoch ein ungutes Gefühl, vor einem Hindernis zu stehen, das er selbst nicht bemerkt hatte. Früher wäre ihm das nicht passiert, aber früher hatte er auch keine Rummdogs besessen.
Noch vor Sonnenaufgang erreichten sie die Straße, die Port Marineris mit den Loxitgruben im Osten verband. Eigentlich war es keine richtige Straße, sondern ein Fahrweg, der hin und wieder mit ein paar Betonplatten befestigt worden war. Es ging das Gerücht um, daß die Marsgesellschaft eine neue vierspurige Schnellstraße bauen wollte, aber das würde vermutlich noch Jahre dauern. Das Unbehagen, das Martin bei dem Gedanken empfand, hatte allerdings nichts mit den finanziellen oder technischen Problemen eines derartigen Projekts zu tun. Er spürte instinktiv, daß eine moderne Schnellstraße aus Beton und Stahl nicht hierher paßte. Nicht in dieses Tal, nicht in diese Landschaft und nicht in diese Welt. Das wäre in etwa so, als würde man auf den Trümmern von Troja eine Schweinemastanlage errichten. Es würde den Ort entweihen. Natürlich war sich Martin darüber im klaren, daß seine Bedenken niemanden kümmerten. Wenn der Bau einer neuen Straße Gewinn versprach, dann würde sie gebaut werden. Das war auf dem Mars nicht anders als auf der Erde, und nur ein Narr konnte darin etwas Böses sehen ...
Der Lichtstreifen im Osten wurde breiter und tauchte die Landschaft in trübes, schattenloses Grau. Die Straße lag still und verlassen. Es würde noch Stunden dauern, bis die ersten Erztransporter auf dem Weg in die Stadt diese Stelle erreichten. 
Einen Augenblick lang bereute Martin beinahe, so zeitig aufgebrochen zu sein. Die Fahrer der Minengesellschaft nahmen gern Leute von draußen mit, und die Vorstellung, einen Teil der Strecke in der klimatisierten Kabine eines Sattelschleppers zurücklegen zu können, war verlockend. 
Allerdings wollte er nicht in die Stadt, sondern zu einem Ort, der sich irgendwo in den Valles fernab jeder menschlichen Ansiedlung befand. Wer immer Meropes Routenspeicher manipuliert hatte, war gewiß nicht davon ausgegangen, daß Martin den Weg zum Chanan per Anhalter zurücklegte. Wenn dieser Ort für seine Gastgeber tatsächlich von Bedeutung war, dann bedurften sie mit Sicherheit keiner von Menschen angelegten Straße, um ihn aufzusuchen. Wahrscheinlich war es nur einem Zufall zuzuschreiben, daß die Route eine Zeitlang parallel zur Straße verlief ...
Martin erkannte seinen Irrtum erst, als die Sonne aufgegangen war und die grauen Nebel vertrieben hatte. Jetzt, da er freie Sicht auf das vor ihnen liegende Tal hatte, wurde ihm plötzlich klar, wie die Vorfahren seiner Gastgeber zum Chanan gelangt waren. Er mußte nur die Augen schließen, um den Fluß zu sehen. Den Fluß und die smaragdgrünen Lichter der Boote, die lautlos stromabwärts glitten ...
Man mußte kein Einheimischer sein, um zu erkennen, daß sie noch immer zusammengehörten, dieses Tal und der Fluß, der schon seit Millionen Jahren Vergangenheit war. Niemand hatte die Menschen daran gehindert, sein ausgetrocknetes Bett als Straße zu benutzen. Niemand würde ihnen verbieten, an seinen Ufern Siedlungen zu errichten mit Tankstellen, Supermärkten und allem, was ihrer Ansicht nach dazu gehörte. Niemand würde sich über den Lärm beschweren, den ihre Turbinenfahrzeuge und Preßlufthämmer verursachten, niemand den Übermut beklagen, mit dem sie von Dingen Besitz ergriffen, die sie nicht verstanden. 
Es war nicht wichtig, das wurde Martin in diesem Augenblick mit schmerzhafter Deutlichkeit bewußt. Die Kolonisten mochten die neue Schnellstraße Abraham-Lincoln-Highway nennen, ihre Containerstädte New Charleston oder Port Michigan und das alte Meer Death Valley, für den toten Fluß, das Tal und die Berge bedeutete es nichts. Sie besaßen bereits Namen, Namen, die der Wind mit sich trug, wenn er nachts über die Hügel strich. Diese Namen waren schon uralt gewesen, als auf der Erde noch öde, menschenleere Wildnis geherrscht hatte, und sie würden auch dann noch Teil dieser Landschaft sein, wenn sich niemand mehr an Charleston oder Michigan erinnerte. Sie hatten das Versiegen der Flüsse überdauert, das Austrocknen der Meere und den Zerfall der alten Städte, die schon vor Millionen Jahren von ihren Bewohnern verlassen worden waren.
Martin besaß keinen Beweis, daß sie tatsächlich existiert hatten, aber er wußte es, hatte es auf schwer zu erklärende Weise immer gewußt. Sonst wäre er vielleicht nicht hier ...
Gegen Mittag begegneten sie dem ersten Fahrzeug, einem Erztransporter, der eine rote Staubfahne hinter sich herzog. Martin wechselte ein paar Sätze mit dem Fahrer, einem freundlichen Francokanadier, der gerade einen 5-Jahres-Vertrag bei der Minengesellschaft unterschrieben hatte. Marcel, so hieß der Junge, war noch nie jemandem von draußen begegnet und entsprechend neugierig. Er bestaunte die Rummdogs und erkundigte sich wie alle Fahrer, die Martin bislang begegnet waren, nach dem Wetter: Würde es Sturm geben? Martin verneinte lächelnd, lehnte den angebotenen Kaffee jedoch ab, nicht aus Unhöflichkeit, sondern weil er weitere Fragen vermeiden wollte. Sie verabschiedeten sich mit den üblichen Floskeln, dann heulten die Turbinen auf, und das riesige Fahrzeug setzte sich träge schaukelnd in Bewegung. 
Martin pfiff die Rummdogs heran, die die Szene aus sicherer Entfernung verfolgt hatten, überprüfte den Sitz von Meropes Geschirr und gab den Befehl zum Aufbruch. Allmählich verklang das Motorengeräusch hinter ihnen, der aufgewirbelte Staub setzte sich, und bald erinnerte nichts mehr an die Begegnung, die ihm rückblickend beinahe unwirklich erschien.
Die Gedanken, die Martin durch den Kopf gingen, hatten nichts mit den Kolonisten und ihren Aktivitäten auf dem Mars zu tun. Er hatte versucht, sie zu verdrängen, doch es war unmöglich, nicht daran zu denken, was ihn am Ziel seiner Reise erwartete.
„Er lernt dich kennen und trifft eine Entscheidung“, hatte der brennende Mann über den Chanan gesagt. Das klang bedrohlich nach Allmacht, dennoch hatte Martin nicht den Eindruck gehabt, daß seine Gastgeber den Chanan fürchteten. Möglicherweise handelte es sich auch gar nicht um ein selbstbestimmt handelndes Wesen, sondern vielmehr um ein Produkt ihrer Zivilisation.
Obwohl Martin überzeugt davon war, daß sie ihm nichts Böses wollten, fürchtete er die Begegnung ebenso wie er sie herbeisehnte.
Was, wenn dieses Geschöpf ihm ein Bild von sich selbst offenbarte, das er nicht zu ertragen vermochte? Wenn der Chanan doch eine Art Gottheit war, vielleicht der einzige Gott, der tatsächlich existierte? Wohin konnte er dann noch fliehen, und wozu überhaupt, wenn keine Hoffnung mehr blieb?
Martin wußte es nicht, und er mochte auch nicht über eine Situation nachdenken, von der er im Grunde seines Herzens überzeugt war, daß sie nicht eintreten würde. Dennoch mußte er sich über seine Hoffnungen, Zweifel und Befürchtungen klar werden, bevor er dem Chanan gegenübertrat. Nicht, um ihn in irgendeiner Form zu beeinflussen, sondern um seiner selbst willen.
Es war ganz sicher kein Zufall, daß sie ihn nicht unvorbereitet mit dem Chanan konfrontiert hatten, was durchaus in ihrer Macht gestanden hätte. Nein, sie hatten die Entscheidung ganz bewußt in sein Ermessen gestellt und gleichzeitig dafür gesorgt, daß ihm Zeit blieb, sie zu überdenken. 
Und sie hatten in gewissem Sinne Recht behalten, denn je länger Martin unterwegs war, um so mehr wuchsen die Zweifel am Sinn seines Unterfangens. Welche Art Hilfe war überhaupt von einem Geschöpf zu erwarten, das Teil einer ebenso alten wie fremdartigen Zivilisation war?
Auch darauf wußte Martin keine Antwort, dennoch ging er weiter. Vielleicht, weil er ahnte, daß die Auseinandersetzung mit diesen Zweifeln bereits Teil jener Prüfung war, der er sich zu stellen hatte ...
Nach einer weiteren Stunde Fußmarsch trennten sich Straße und Flußtal. Die Bautrupps hatten eine Schneise in den Hang gesprengt, durch die die Straße schnurgerade in Richtung Westen verlief. Wenn Martin jetzt geradeaus weiterging, konnte er noch vor Einbruch der Dunkelheit in der Stadt sein. Er könnte bei Bekannten übernachten, die sich über seinen Besuch freuen würden, und morgen all die Besorgungen erledigen, die er schon viel zu lange aufgeschoben hatte. Die Versuchung war groß, aber nicht groß genug, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. 
Die Spuren derer, denen er folgen würde, waren zwar längst nicht so deutlich wie die Abdrücke der Ballonreifen, aber man konnte sie erkennen, wenn man genügend Erfahrung besaß. Wahrscheinlich hätte Martin Meropes Führung gar nicht mehr bedurft, denn er sah den weit geschwungenen Bogen ganz deutlich vor sich, dem der Fluß an dieser Stelle folgte. 
Allmählich änderte sich die Beschaffenheit des Untergrundes. Das Gelände wurde unwegsamer, und sie mußten immer wieder Bergen von Geröll oder einzelnen Felsblöcken ausweichen, die von den zerklüfteten Hängen ins Tal gestürzt waren. Die Schlucht wurde schmaler und nahm immer mehr den Charakter eines Canyons an, wie er für die Nebenarme der Valles typisch war.
Obwohl das Flußbett kein nennenswertes Gefälle aufwies, türmten sich die Wände des Canyons bald zu schwindelerregender Höhe, was Martin allerdings erst bewußt wurde, als sie an einer besonders engen Stelle in deren Schatten eintauchten. 
In der Dämmerung, die sie plötzlich umfing, lag bereits eine Ahnung der bevorstehenden Nacht. Martins Blick glitt die fast senkrechten Felswände hinauf zu dem schmalen Streifen Himmel, der in unerreichbare Ferne gerückt schien. Noch erreichten die rosafarbenen Strahlen der Nachmittagssonne den Grund der Schlucht, aber sie würden die Dunkelheit nicht lange aufhalten können, die schon jetzt mit kühlen Schattenfingern nach den Eindringlingen griff.
Das Boot lag in einer dieser Schattenzonen unter einem Felsvorsprung. Martin hätte es wohl übersehen, wenn Taygeta nicht mißtrauisch schnüffelnd stehengeblieben wäre. 
„Was ist denn, Tay?“ erkundigte sich Martin halb im Scherz, dann sah er es und blieb wie vom Schlag gerührt stehen. Es war eines ihrer Boote, davon war er vom ersten Augenblick an überzeugt, auch wenn es weder Mast noch Ruder besaß und auf der Bugseite leck geschlagen war.
Es war eines ihrer Boote, und Martin starrte es mit jener Mischung aus ungläubigem Staunen und trotziger Genugtuung an, zu der sonst nur Kinder fähig sind.
Ich hab doch gewußt, daß sie hier sind, die gläserne Stadt, der Fluß und die Boote im Hafen, dachte der kleine Junge, zu dem er in diesem Moment wieder geworden war. Und das ist ganz sicher eins davon ...
Dennoch zögerte er, seinen Fund zu berühren, als fürchtete er, daß er sich im gleichen Augenblick in Luft auflösen würde. Doch nichts dergleichen geschah. Die Oberfläche des Rumpfes fühlte sich glatt und kühl an wie polierter Marmor.
Es war ein Boot aus Stein.
Ungezählte Jahre hatte es auf Grund gelegen, bis der Fluß schließlich ausgetrocknet war, und der Wind den versteinerten Rumpf freigelegt und blank geschliffen hatte wie das Gerippe eines vorzeitlichen Ungeheuers. 
Martins halbherziger Versuch, das Boot umzudrehen, scheiterte bereits im Ansatz. Es ließ sich keinen Millimeter von der Stelle bewegen. Zwar hätte er gern einen Blick in das Innere geworfen, aber das war im Grunde gar nicht nötig. Die Feuerstelle im Heck würde ohnehin kaum Spuren hinterlassen haben, und an weitere Einzelheiten erinnerte er sich nicht. Außerdem hatte er nicht den geringsten Zweifel, daß es ein Boot wie dieses gewesen war, mit dem ihn der fremde Junge damals zum Hafen gebracht hatte. Daß sich das alles nur in seinen Träumen ereignet hatte, spielte dabei keine Rolle - jetzt nicht mehr.
Die Ereignisse folgen einem bestimmten Muster.
Noch war Martin weit davon entfernt, dieses Muster zu erkennen oder gar in die Zukunft zu schauen, wie es die Herrin der Masken vermocht hatte. Aber die Entdeckung des Bootes hatte ihm Mut gemacht. Und dort, wo er hinging, würde er vermutlich mehr davon brauchen, als er je besessen hatte ...
„Okay, ich bin ja schon soweit“, rief er in Meropes Richtung, die bereits ungeduldig an der Führungsleine zerrte. „Du hast ja wohl keine Probleme mit deinen Träumen ...“
Die Vorstellung, daß Dr. Fromberg seine Schöpfungen mit einem Satz artgerechter Standardträume ausgestattet haben könnte - vielleicht von Hundekuchen oder Briefträgerbeinen -, amüsierte ihn. Für kurze Zeit wich die Anspannung aus seinen Zügen und machte einem jungenhaften Lächeln Platz. Dann tauchten sie erneut in den Schatten der Felswände ein, und seine gute Laune verflog.
Obwohl sich seine Augen nach einigen Sekunden an die Dunkelheit gewöhnt hatten, hatte er Mühe, dem Leittier zu folgen. Das graue Dämmerlicht ließ die Konturen verschwimmen, so daß er gezwungen war, sein Tempo der eingeschränkten Sicht anzupassen.
Er hatte sich bereits damit abgefunden, den Rest des Weges im Dunkeln zurücklegen zu müssen, als er einige hundert Meter voraus einen schwachen Lichtschimmer bemerkte. Der Lichtfleck wurde rasch heller, und Martin wurde bald klar, daß es sich dabei um einen Zugang nach draußen handeln mußte.
Noch war die eigentliche Öffnung nicht sichtbar. Offenbar durchlief die Schlucht an dieser Stelle eine weitere Krümmung, doch als sie diese passiert hatten, wichen die Wände des Canyons plötzlich zurück und gaben den Blick auf ein beeindruckendes Panorama frei.
Zu Martins Überraschung befanden sie sich jedoch nicht auf freiem Gelände, wie er auf Grund des ungehindert einfallenden Tageslichts angenommen hatte, sondern in einer weiteren Schlucht beziehungsweise einem ganzen System von Schluchten, dessen Ausdehnung er nur erahnen konnte.
Innerhalb dieser gewaltigen Schluchtenlandschaft ragten Felsgebilde jeder nur vorstellbaren Form und Ausdehnung - Säulen, Türme, Quader, Kegel - in teilweise schwindelerregende Höhe empor. Die meisten ruhten auf riesigen Geröllhalden, die ihrerseits eine Art Gebirgslandschaft bildeten. 
Natürlich hatte Martin seinerzeit das damals verfügbare Bildmaterial von den Valles Marineris studiert, aber die Satellitenaufnahmen vermochten die Realität nicht einmal annähernd wiederzugeben. Aktuelle Bilder gab es seines Wissens kaum. Die Erforschung des Gebietes war vor ein paar Jahren eingestellt worden, als ein Geologenteam in einen Sandsturm geraten und nicht zum Stützpunkt zurückgekehrt war. Acht Frauen und Männer, die mit einem Thunderbelt-Radpanzer unterwegs gewesen waren - einem 60 Tonnen schweren Koloß mit Nuklearantrieb und Sicherheitszelle. Jetzt verstand Martin, weshalb das Fahrzeug nie gefunden worden war ...
Die Valles waren eine Landschaft, für die die menschlichen Sinne nicht eingerichtet waren. Hier existierte nichts, das als Vergleichsmaßstab hätte dienen können, nichts, das dem Betrachter vertraut war, nichts, das das Gefühl der Verlorenheit mildern konnte, das er angesichts der gigantischen Abmessungen dieses auf den ersten Blick völlig chaotisch anmutenden Areals empfand.
Er fragte sich, ob das vielleicht der Grund gewesen war, weshalb man ihn an diesen Ort geführt hatte, verwarf den Gedanken aber sofort wieder. Wenn sie so viel über ihn wußten, wie er annahm, dann mußte ihnen auch klar sein, daß es einer derartigen Demonstration nicht bedurfte.
Die beiden Rummdogs zeigten angesichts der dramatischen Veränderung der Landschaft keine sichtbaren Anzeichen von Unruhe oder gar Überraschung. Merope behielt die vorher eingeschlagene Richtung bei, die in ihrer Fortsetzung zu einer jener bizarren Felsformationen führte, die den Charakter der Bruchstelle prägten. 
Es handelte sich um zwei riesige Felsplatten, die schräg aufeinander zuliefen und so eine Art Tor in Form eines umgekehrten Vs bildeten. Die Öffnung des Felsentores lag im Schatten, so daß sich seine Tiefe aus der Entfernung nicht feststellen ließ. Das dunkle Dreieck zwischen den im Licht der tief stehenden Sonne kupferfarben schimmernden Felswänden wirkte auf seltsame Weise bedrohlich wie der Zugang zu einer geheimnisvollen düsteren Schattenwelt, aus der es keine Rückkehr gab.
Doch genau dorthin würde sie ihr Weg führen. Das wurde Martin in dem Augenblick klar, als er entlang der gedachten Linie zwischen ihrem gegenwärtigen Standort und dem Felsentor Spuren des Flußbettes entdeckte, in dem sie seit den Morgenstunden unterwegs waren. Sandstürme und fortgesetzte Erosion hatten die Uferhänge abgetragen, Wanderdünen große Teile des Tales unter sich begraben, doch es blieben genügend Hinweise, um seinen ehemaligen Verlauf zu erkennen.
Von widerstreitenden Gefühlen bewegt folgte Martin den beiden Rummdogs, bis sie den Fuß des Berges erreicht hatten, auf dem das Felsentor thronte. Der Fluß endete hier, und es war offenkundig, daß er früher direkt in die gewaltige Höhle hineingeflossen war, deren unterer Teil jetzt mit Geröll und Sand verschüttet war.
Der verbliebene Teil des Höhleneingangs lag noch immer im Schatten, ein dunkles Riesenmaul, das aus der Nähe betrachtet noch furchteinflößender erschien als zu Beginn des Aufstiegs. Mittlerweile vermied es Martin, allzu oft nach oben zu schauen. Er ahnte, daß sie sich dem Ziel ihrer Reise näherten, und seine Beklommenheit nahm mit jedem Schritt zu.
Doch erst als am Ende des Geröllhanges die Wände des Felsentores wie Türme emporwuchsen, erkannte er, daß mit der vermeintlichen Öffnung etwas nicht stimmen konnte. Der Durchgang ließ weiterhin keine auch noch so vage Struktur in seinem Inneren erkennen. Die Dunkelheit, die er ausstrahlte, war so absolut, daß Martin beinahe körperliches Unbehagen empfand.
Das war keine geologische Struktur, sondern etwas, das allen bekannten Naturgesetzen widersprach. So war der Übergang zwischen den gewohnten räumlichen Strukturen der Außenwelt und der Schattenzone so abrupt, als hätte jemand den Höhleneingang mit schwarzer Folie bespannt - einer Folie allerdings, die das Licht nicht reflektierte, sondern förmlich aufsaugte.
Selbst die Rummdogs schienen irritiert und drehten sich immer wieder nach Martin um, als erwarteten sie von ihm einen Hinweis, wie sie mit diesem seltsamen Ding umgehen sollten, das da vor ihnen lag. Deshalb war er auch nicht überrascht, als die Führungsleine plötzlich schlaff wurde: Merope war stehengeblieben, und auch Taygeta war nicht dazu zu bewegen, sich der Schattenlinie weiter zu nähern. Rummdogs kannten keine Furcht, deshalb mußte ihr Verhalten rationale Gründe haben. Wahrscheinlich hinderte ein Sicherheitsprogramm sie daran, auf ein Gebiet vorzudringen, über das sie keinerlei Informationen besaßen.
Von jetzt an würde Martin seinen Weg allein fortsetzen müssen, und obwohl er geahnt, nein, gewußt hatte, daß dieser Zeitpunkt irgendwann kommen mußte, empfand er in diesem Moment nichts als kalte, lähmende Furcht.
Du kannst immer noch umkehren ...
Der Gedanke war verlockend, doch er würde ihm nicht nachgeben. Auch das Schattentor war Teil der Prüfung, davon war er überzeugt, und er würde sich nicht aufhalten lassen, nur weil seine Roboterhunde sich im Dunkeln fürchteten.
Martins Beine schienen jedoch anderer Auffassung zu sein. Sie verweigerten ihm zwar nicht direkt den Gehorsam, dennoch wurden seine Schritte mit jedem Meter kleiner, den er sich der Schattengrenze näherte, bis er schließlich ganz stehenblieb.
„Na, komm schon!“ lockte das dunkle Riesenmaul und blies ihm einen Schwall kühler Nachtluft entgegen. „Du hast doch nicht etwa Angst, Kapitän Lundgren?“
Angst? dachte Martin, klar habe ich Angst. Aber nicht mehr als damals, als plötzlich dieser Geruch im Haus war - und der Briefumschlag auf dem Küchentisch. Und trotzdem bin ich gegangen ...
„Ho ho, aber doch wohl ein bißchen zu spät“, höhnte die Stimme aus dem Dunkel. „Charlene Lundgren weiß weder wer noch wo sie ist, wenn die Wörter sie durch die grün getünchten Flure von Block C in den Garten führen, wo sie sich mit den Vögeln unterhält. Ein wahrhaft erfülltes Leben auf Kosten der Tricare Northeast - Respekt.“
Martin ahnte, daß er einen Fehler gemacht hatte. Doch es war bereits zu spät, ihn zu korrigieren. Das Schattentor hatte etwas gefunden, mit dem es ihm weh tun konnte: Ein Bild, an das er sich nur zu gut erinnerte ...
Ein großer, gepflegter Park mit einem Teich, an dem Wildenten und Schwäne nisten. Kiesbedeckte Wege und zahlreiche Bänke, die den Spaziergänger zum Verweilen einladen. Aber die Menschen auf den Bänken sind keine gewöhnlichen Spaziergänger, auch wenn man den meisten ihr Leiden nicht sofort ansieht. Auch der weißhaarigen, ein wenig altmodisch gekleideten Dame nicht, die in ihrem früheren Leben Charlene Lundgren hieß, - Martins Mutter. Meist füttert sie Vögel und beobachtet zufrieden, wie ihre Schützlinge mit lustig nickenden Köpfen hin und her eilen, um die besten Brocken zu ergattern. Wird sie von Fremden angesprochen - und dazu zählen leider auch Martin und seine Schwester Betty, ihr Bruder Doug, dessen Frau Liz sowie sämtliche Angestellten und Patienten des St. James - zuckt ihr Kopf herum und sie mustert die Betreffenden erschrocken und vollkommen verständnislos. Sie spricht nie, nur wenn sie sich bedroht fühlt, entringt sich ihrer Kehle ein mißtönendes Kreischen, das man mit viel Phantasie als “Geh weg!“ interpretieren könnte, auch wenn es viel eher den Warnrufen einiger ihrer gefiederten Freunde gleicht. Das St. James gilt als eines der besseren Sanatorien Neuenglands. Die Zimmer sind hell und komfortabel eingerichtet, das Personal kompetent und freundlich. Aber auch die freundlichsten Angestellten und die sachkundigsten Ärzte können der weißhaarigen, ein wenig altmodisch gekleideten Dame nicht wirklich helfen, und vielleicht möchte sie das auch gar nicht mehr ... 
Das Bild verschwand, aber der Schmerz blieb und das demütigende Gefühl, versagt zu haben. Martin sorgte dafür, daß Flemming alljährlich einen nicht unerheblichen Betrag an das St. James überwies, aber das änderte nichts daran, daß er sich schuldig fühlte. Er war gegangen und hatte sie im Stich gelassen ...
Dennoch vermochte die mentale Attacke Martin nicht einzuschüchtern, sondern bestärkte ihn sogar noch in seiner Entschlossenheit, dem unsichtbaren Gegner die Stirn zu bieten. Nichts von dem, was ihm das Schattentor gezeigt hatte, war neu gewesen. Es waren seine eigenen Erinnerungen und Schuldgefühle, mit denen es ihn aufzuhalten suchte. Doch es gab noch andere, schlimmere vielleicht, und er durfte ihm keine weitere Gelegenheit geben, sie gegen ihn einzusetzen.
„Du kannst mich nicht aufhalten!“ flüsterte er beschwörend und trat einen Schritt nach vorn.
Brennender Schmerz durchflutete seinen Körper und ließ ihn zurücktaumeln. Eher erschrocken als ernsthaft verletzt betastete er seinen rechten Fuß, der für Sekundenbruchteile die Schattengrenze berührt hatte. Er fand nichts, keine schmerzende Stelle, keine Strommarke, keine noch so geringfügige Verletzung. Was auch immer den Schmerz ausgelöst hatte, es hatte nicht die geringste Spur hinterlassen ...
Die beiden Rummdogs, die sein Vordringen mit sichtbarer Anspannung verfolgt hatten, ließen ein warnendes Knurren vernehmen. „Versuch das ja nicht noch einmal“, schienen sie ihm sagen zu wollen. „Es ist gefährlich.“ 
Aus ihrer Sicht hatten sie zweifellos recht, aber sie waren Maschinen, keine Wesen aus Fleisch und Blut. Sie mochten nützliche Helfer sein, aber dieses Mal würde Martin nicht auf sie hören.
Es mußte einen Weg geben, die Barriere zu überwinden. Er war davon überzeugt, daß sie in erster Linie der Abschreckung diente und nicht dazu, ihm oder anderen Menschen Schaden zuzufügen. Folglich waren die Schmerzen, die er empfunden hatte, keine „echten“ Schmerzen, die von verletzten Nervenenden herrührten, sondern die Folge einer suggestiven Beeinflussung seines Gehirns.
Aber woher wußte die Intelligenz, die den Zugang kontrollierte, wo und mit welchem Teil seines Körpers er die Grenze übertrat?
Die Anwort war so trivial, daß sich Martin beinahe mit der Hand gegen die Stirn geschlagen hätte: Sie wußte es von ihm!
Wenn sie in der Lage war, ihn mit Schuldgefühlen und Erinnerungen zu konfrontieren, dann besaß sie Zugang zu seinem Bewußtsein und folglich auch zu dem, was er hörte oder sah. Von dieser Erkenntnis bis zur Lösung seines Problems war es dann nur noch ein kleiner Schritt ...
„Okay, Großmaul“, murmelte Martin. „Spielen wir eine Runde Blinde Kuh!“ Dann nahm er all seinen Mut zusammen und marschierte mit geschlossenen Augen direkt hinein in das Herz der Finsternis.
Obwohl viel für seine Theorie sprach, blieb es ein Marsch ins Ungewisse. Martin konnte seinen Pulsschlag hören, ein dumpfes Dröhnen in den Schläfen, das mit jedem Schritt lauter wurde. Seine Muskeln spannten sich in Erwartung des Schmerzes, der ihn jeden Augenblick zurückschleudern konnte. Die fremde Intelligenz hatte sein Vorhaben mit Sicherheit längst durchschaut, die Frage war allein, ob sie sich an die Regeln halten würde. Obwohl Martin davon überzeugt war, daß sie einen ausgeprägten Sinn für Regeln und Symbolik besaßen, fühlte er sich wie ein Soldat auf dem Weg durch ein Minenfeld.
Dennoch ging er weiter, wagte jedoch nicht, die Augen zu öffnen. Mechanisch setzte er einen Schritt vor den anderen, bis der Boden unter seinen Füßen plötzlich nachgab und er in die Tiefe stürzte.
Erschrocken riß er die Arme nach oben, doch der befürchtete Aufprall blieb aus. Statt dessen spürte Martin, wie sich die Geschwindigkeit seines Sturzes verringerte. Fast schien es, als hätte die Dichte der Luft um ihn herum so zugenommen, daß sie seinen Fall aufhielt und ihn sanft nach unten schweben ließ.
Ein irritierendes Gefühl von Deja-vu löschte alle anderen Empfindungen aus. Der Eindruck, das alles schon einmal erlebt zu haben, war so überwältigend, daß er sich der Bedrohlichkeit seiner Situation kaum noch bewußt wurde.
Ohne Überraschung oder gar Furcht sah er eine graue Nebelwand auf sich zustürzen, in die er nur Sekunden später eintauchte. Ein Teil von ihm hatte fest mit ihrem Erscheinen gerechnet. Über seine Umgebung und die Tiefe des Abgrunds konnte er allerdings nur Vermutungen anstellen. Dichte Nebelschwaden verhinderten weiter jegliche Orientierung. Martin breitete die Arme aus und spürte, wie der Luftwiderstand stärker wurde. Einen Augenblick später lichtete sich der Nebel und gab den Blick auf die Umgebung frei. 
Der Fluß! dachte Martin, dann spürte er schon den Boden unter seinen Ellenbogen und Knien und rollte sich zu Seite ab. 
Das Ufer war nur ein paar Schritte vom Ort seiner Landung entfernt. Immer noch ein wenig benommen starrte Martin Lundgren auf die dunkle Wasserfläche, die vollkommen reglos schien. Der Fluß war breit - so breit, daß er das jenseitige Ufer nur als schmalen, leuchtenden Streifen erkennen konnte. 
„Hallo Martin!“
Die Stimme klang seltsam vertraut.
Der Junge mit der Maske. 
Martin wußte es, noch bevor er die schmale, zerbrechlich wirkende Gestalt tatsächlich wahrnahm. Der Junge stand hinter einem kleinen Felsvorsprung, seine Silhouette hob sich kaum vom Schwarz der Wände ab.
Er muß gewußt haben, daß ich komme, dachte Martin beklommen. Weshalb wäre er sonst hier?
„Warte, ich mache uns Licht“, sagte der Junge und beugte sich etwas nach vorn. Es gab ein knisterndes Geräusch wie von einer elektrischen Entladung, dann loderte zu seinen Füßen ein grün sprühendes Feuer auf. „Komm, du hast einen weiten Weg hinter dir.“ 
Dagegen gab es wenig einzuwenden, und so folgte Martin der Einladung des Fremden und setzte sich zu ihm ans Feuer. Schweigend starrte er in die Flammen und genoß das Gefühl, heimgekehrt zu sein. Wie oft war er wohl hier gewesen, damals? Martin wußte es nicht, und es war im Grunde auch nicht wichtig. Wichtig war allein, daß er jetzt hier war, daß er ihn wiedergefunden hatte, diesen Ort ...
„Ist es noch weit?“ erkundigte er sich, nachdem er seine Hände symbolisch an dem kalten Feuer gewärmt hatte.
„Nein, nicht sehr weit“, erwiderte der Junge nach einigem Zögern. „Willst du schon aufbrechen?“ Es klang wie: Bist du bereit?
Darauf hätte Martin selbst gern eine Antwort gewußt, und so versuchte er erst einmal, Zeit zu gewinnen: „Ich möchte vorher gern noch etwas wissen ... bevor wir gehen, meine ich.“
„Frag!“
Die Aufforderung klang zwar nicht direkt unfreundlich, dennoch zögerte Martin, bis ihm der Junge schließlich aus der Verlegenheit half: „Du willst wissen, was der Chanan ist, oder?“
Martin nickte.
„Ich kann deine Frage nicht beantworten - nicht, weil ich nicht will oder nicht darf, sondern weil es keine Antwort gibt, die dir weiterhelfen würde. Und bevor du wieder fragst, ob er so etwas wie Gott sei, will ich dir wenigstens darauf antworten: Er ist ebensowenig Gott, wie eine Laterne die Sonne ist.“
Die Stimme des Jungen hatte ernst geklungen, und es gab keinen Grund, an seinen Worten zu zweifeln. Merkwürdigerweise fühlte sich Martin sogar erleichtert, obwohl ihm die Antwort im Grunde nicht weiterhalf. Auf dem Weg hierher waren ihm so viele Fragen durch den Kopf gegangen, doch jetzt fiel ihm keine einzige mehr ein, zumindest keine, die der Bedeutung des Augenblicks angemessen gewesen wäre. 
Eine Zeitlang schwiegen beide. Nichts in der Haltung des Jungen deutete darauf hin, daß er auf etwas wartete. Solange Martin keine Entscheidung traf, würde er hier sitzen und wortlos ins Feuer starren, während es draußen Nacht und wieder Tag wurde und wieder Nacht und Tag ...
Es hat keinen Sinn, noch länger zu warten.
„Gehen wir“, sagte Martin, doch der Junge hatte sich bereits erhoben, als hätte er seinen Entschluß vorhergesehen.
„Steig ein.“ Die vermummte Gestalt deutete mit einer einladenden Geste in Richtung Fluß. 
Jetzt erst bemerkte Martin das Boot, das dort angelegt hatte. Sein Rumpf glänzte schwarz wie die Oberfläche des Flusses, die Segel schimmerten grünlich, aber das konnte auch der Widerschein des Feuers sein. Martin hätte beschwören können, daß es vor ein paar Minuten noch nicht dagewesen war. Wie damals ...
Der Anblick des Bootes verstärkte das Deja-vu-Gefühl in einem Maße, daß die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit verschwammen. Zum ersten Mal überfielen Martin Zweifel an der Realität dessen, was er sah. Was, wenn das alles nur eine weitere Vision war, erschaffen aus den Bildern seiner Träume?
Dagegen sprach, daß er sich noch recht gut daran erinnerte, wie er hierher gelangt war. Auch seine Kleidung und der Rucksack, den er trug, stammten eindeutig aus seinem gewohnten Umfeld. Martin hakte die Daumen unter die beiden Tragriemen und zog sie straff, bis seine Schultern zu schmerzen begannen. 
Nein, das war kein Traum ... 
Immer noch ein wenig mißtrauisch folgte Martin dem Jungen zum Ufer, stieg aber erst zu ihm ins Boot, als er sich davon überzeugt hatte, daß das zerbrechlich aussehende Gefährt stabil genug war, sein Gewicht zu tragen. Eine Sitzgelegenheit gab es allerdings nicht, so daß er gezwungen war, auf den hölzernen Planken Platz zu nehmen, während das Boot ablegte.
Der Junge hatte eine Fackel angezündet und im Heck des Bootes befestigt. Ihr zuckendes Licht spiegelte sich auf der Oberfläche des Wassers. Obwohl Martin nur einen schwachen Windhauch spürte, füllten sich die Schmetterlingssegel mit Luft, und das Boot nahm Fahrt auf.
„Fahren wir zur Stadt?“ erkundigte sich Martin schließlich und wunderte sich über den dumpfen Klang seiner Stimme. Die Akustik hatte sich verändert; die Oberfläche des Flusses schien seine Worte aufzusaugen wie die Wände eines schalltoten Raumes. Minutenlang glitt das Boot lautlos durch die Dunkelheit, ohne daß Martin den Mut aufbrachte, seine Frage zu wiederholen.
„Nein, unser Weg wird zwar an Sadaika vorbeiführen“, erwiderte der Junge schließlich. „Aber wir werden uns von der Stadt fernhalten ... heute.“ Seine Stimme klang unverändert deutlich, sonst hätte Martin das leichte Zögern vor dem Nachsatz kaum bemerkt.
Sadaika, dachte Martin, das klingt wie ein Mädchenname. Dennoch war er enttäuscht. Die gläserne Stadt bedeutete mehr für ihn als die Erinnerung an einen Traum. Die Stadt hatte ihn getröstet, damals, unmittelbar nach Steves Tod. Ihr Gesang war wie ein Versprechen gewesen, ein Versprechen, das keiner Worte bedurfte. Er hatte stets an ihre Existenz geglaubt, und dieser Glaube hatte ihm geholfen, Kälte und Einsamkeit zu ertragen - und das Bewußtsein der Schuld. Die Stadt erwartete ihn, davon war Martin zutiefst überzeugt. Und jetzt, da er sie endlich wiedergefunden hatte, sollte er sich von ihr fernhalten?
„Du wirst sie später wiedersehen“, versicherte ihm der Junge, als hätte Martin seine Gedanken laut ausgesprochen. „Doch heute darfst du das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Die Stadt würde versuchen, dich aufzuhalten - nicht weil sie dir etwas Böses will, sondern weil es in ihrem Wesen liegt ...“
Allmählich wurde der schmale Leuchtstreifen am jenseitigen Ufer heller, aber noch lag die Stadt hinter dichten Nebelschwaden verborgen.
Sadaika, dachte Martin mit klopfendem Herzen, während sie sich dem in Dunst gehüllten Lichtermeer näherten, dessen gewaltige Ausmaße erst allmählich offenbar wurden. 
„Wir fahren nicht weiter heran“, verkündete die maskierte Gestalt im Heck des Schiffes. Ihre Stimme klang verändert, nicht mehr so selbstbewußt, und es schien fast, als schwinge darin so etwas wie Besorgnis mit. Dann riß der Nebel auf und gab den Blick auf die Stadt frei. Wie damals ... 
Dennoch war der Anblick überwältigend.
Es war weder die Höhe der einzelnen Gebäude - wenn es sich bei den leuchtenden Gebilden überhaupt um Gebäude handelte - noch ihre architektonische Gestaltung, die die Faszination der Stadt ausmachten. Die terrassenförmig angelegten Kristallstrukturen vermittelten vielmehr die Illusion einer riesigen Freitreppe, die sich vom Ufer des schwarzen Flusses bis hinauf in schwindelnde Höhen erstreckte. Wo die „Treppe“ schließlich endete, falls sie überhaupt irgendwo endete, blieb dem Betrachter durch den Dunst in der Höhe verborgen. Es gab keine Laternen oder sonstige Lichtquellen, das bernsteinfarbene Leuchten schien eine Eigenschaft des Materials zu sein, aus dem die einzelnen „Stufen“ bestanden.
Martin sah die Uferstraße, das Hafenbecken und die Masten der Boote, die an der Kaimauer festgemacht hatten. Die höher gelegenen Straßen und Wege lagen im Schatten - dunkle Schneisen, die die leuchtenden Stufen in regelmäßigen Abständen unterbrachen wie Laufgänge die Zuschauerränge eines Stadions.
Trotz ihrer Lichterfülle wirkte die Stadt wie ausgestorben, und so sehr Martin seine Augen auch anstrengte: Dieses Mal gab es niemanden, der ihm von der Kaimauer aus zuwinkte ...
Manchmal glaubte er, ferne Musik zu hören, doch die Töne erstarben, bevor sie sich zu einer Melodie verbinden konnten. Dann war nur noch das Knistern der Fackel zu hören und das leise, kaum vernehmbare Zischeln, mit dem das Boot durch das Wasser glitt.
Traurig beobachtete Martin, wie Stadt und Hafen hinter ihnen zurückblieben und allmählich im Nebel versanken. Sie segelten jetzt parallel zum Ufer stromabwärts, und obwohl jetzt beide Ufer im Dunkel lagen, hatte er den Eindruck, daß sie schneller wurde. Da der Wind nach wie vor nur schwach wehte, mußte die Strömung stärker geworden sein. Viel stärker, wie Martin angesichts des flauen Gefühls annahm, das sich in seiner Magengegend ausbreitete.
„Eine Stromschnelle“, bestätigte die Stimme seines Gastgebers, „kein Grund zu Beunruhigung.“ 
Der Junge stand noch immer aufrecht im Heck des Bootes und schien nicht im mindesten besorgt. Martin fragte sich dennoch, was wohl geschehen würde, wenn sie bei dieser Geschwindigkeit abgetrieben würde und gegen ein Hindernis stießen. Es war nach wie vor stockdunkel um sie herum, und das Licht der Fackel vermochte nicht einmal den Innenraum des Bootes vollständig auszuleuchten. Er versuchte sich mit dem Gedanken zu beruhigen, daß sein Gastgeber den Weg gewiß nicht zum ersten Mal zurücklegte, aber das flaue Gefühl in der Magengegend blieb.
„Wir sind gleich durch“, ließ sich der Junge erneut vernehmen. 
Was meint er mit „durch?“ dachte Martin verwirrt. 
Zuerst hielt er den schwachen seitlichen Lichtschimmer für eine Sinnestäuschung, doch dann begriff er, daß es der Widerschein des Fackellichts an den in unmittlebarer Nähe vorbeihuschenden Uferwänden war, und zuckte erschrocken zusammen. Innerhalb kürzester Zeit mußte sich das weitläufige Flußtal in einen engen Canyon verwandelt haben. Daß auch das ein Irrtum war, wurde ihm in dem Augenblick klar, als der zuckenden Lichtschein auch die Decke des unterirdischen Ganges erreichte, in dem das Wasser mit hoher Geschwindigkeit stromabwärts schoß. Daß das in fast vollkommener Dunkelheit und vollkommen lautlos geschah, machte die rasende Bootsfahrt noch unheimlicher und trieb Martin den Angstschweiß auf die Stirn. Seine Hände krampften sich so fest um die Kante der Bordwand, daß die Knöchel weiß hervortraten. Unfähig, sich zu rühren, beobachtete er, wie sich die Höhlendecke weiter senkte, bis sie fast die Mastspitze erreicht hatte. Schon glaubte er, das Geräusch berstenden Holzes zu hören, da wichen die Felswände plötzlich zurück. Das Boot verlor so rasch an Geschwindigkeit, als wäre es gegen eine unsichtbare Gummiwand geprallt. Martin spürte Übelkeit aufsteigen und kämpfte gegen den Drang, sich zu übergeben. Während seiner Ausbildung war er weitaus höheren Bremsbeschleunigungen ausgesetzt gewesen, aber noch nie hatten sie ihn so unvorbereitet getroffen wie jetzt ...
Erst als das Boot zum Stillstand gekommen war und der Druck auf seinen Magen ein wenig nachgelassen hatte, wagte es Martin, den Blick zu heben. Die Fackel im Heck des Bootes brannte nach wie vor, aber der Platz, an dem eben noch der Junge gestanden hatte, war leer. Obwohl die Möglichkeit im Grunde nicht auszuschließen war, glaubte Martin keinen Augenblick daran, daß er tatsächlich über Bord gegangen war. Für sein Verschwinden gab es nur eine plausible Erklärung: Martin hatte das Ziel seiner Reise erreicht!
„Es ist ein See, tief unter den Felsen der Valles“, hatte der brennende Mann gesagt. Die schwarz schimmernde Wasserfläche, auf der das Boot jetzt steuerlos dahintrieb, konnte durchaus dieser See sein, auch wenn die Dunkelheit seine Ufer verbarg. Es herrschte vollkommene Windstille, die Segel hingen schlaff herunter. Vorsichtig tastete sich Martin in Richtung Heck, nur um festzustellen, daß das Boot keine Steuervorrichtung besaß. Solange die Dunkelheit anhielt, war er nicht in der Lage festzustellen, ob und in welche Richtung es sich bewegte.
Martin zog die Fackel aus der Halterung und leuchtete damit über die Bordwand. Die Wasseroberfläche war spiegelglatt, es gab nicht einmal die Andeutung einer Bugwelle. Dafür fiel ihm auf, daß das Boot kaum auf die Gewichtsverlagerung reagierte. Entweder es war schwerer, als er angenommen hatte, und besaß einen enormen Tiefgang, oder aber ...
Unsinn! schalt er sich. Natürlich ist das nur Wasser, was denn sonst?
Dann geschah etwas. Martin spürte die Veränderung, noch bevor er sie bewußt wahrnahm. Obwohl er weder etwas gesehen noch etwas gehört hatte, drehte er sich um, weil er plötzlich das Gefühl hatte, daß sich hinter seinem Rücken etwas tat.
Der gelbliche Lichtschein war zwar nicht besonders hell, angesichts der Dunkelheit ringsum aber deutlich zu erkennen. Die Lichtquelle selbst war nicht zu sehen, nur eine leuchtende Säule in etwa hundert Meter Entfernung auf der Mitte des Sees. Die Intensität des Lichtes war unmittelbar über dem Wasserspiegel am höchsten und nahm nach oben hin ab, so daß die Decke des Raumes oder der Höhle nach wie vor im Dunkel lag. 
Was es auch war, die Erscheinung machte jedenfalls keinen bedrohlichen Eindruck. Im Gegenteil, das stille, warme Licht übte eine seltsame Faszination auf ihn aus und erfüllte sein Herz mit Sehnsucht.
Das goldfarbene Glühen wurde heller, und Martin hatte den Eindruck, daß es sich auf ihn zu bewegte. Sein Irrtum wurde ihm erst klar, als er einen leichten Luftzug spürte und sah, wie sich die Segel im Wind strafften. Das Boot hatte wieder Fahrt aufgenommen, und sein Bug war exakt auf die leuchtende Säule ausgerichtet wie eine Kompaßnadel nach Norden.
Je näher sie kamen, um so deutlicher wurde, daß sich die eigentliche Lichtquelle unter Wasser befinden mußte. In gewisser Weise ähnelte die leuchtende Säule dem Lichtkegel eines nach oben gerichteten Scheinwerfers. 
Wie gebannt starrte er auf den gleißenden Lichtfleck, der die Erscheinung hervorrief. Der See schien an dieser Stelle von innen heraus zu leuchten, als glühe in seinen Tiefen eine zweite Sonne. Manchmal erschien es Martin, als bewege sich unter der Oberfläche etwas, doch sobald er seinen Blick darauf fixierte, waren die schattenhaften Bewegungen verschwunden.
Das Boot hatte inzwischen beigedreht, doch Martin bemerkte es nicht einmal. Er fragte sich, was wohl mit einem lebendiges Wesen - ganz gleich ob Tier oder Mensch - geschehen würde, wenn es aus irgendwelchen Gründen in den leuchtenden Strudel geriet. Würde es wie eine Fackel aufleuchten oder sich einfach auflösen, um selbst Teil des Sees zu werden? Er würde es wohl nie erfahren ...
Die Erkenntnis stimmte ihn merkwürdigerweise traurig, obwohl er weit davon entfernt war, sich auf ein derartiges Experiment einzulassen. Er zögerte sogar, die leuchtende Säule zu berühren, die sich jetzt unmittelbar vor ihm erhob.
Dann sah er, wie etwas Helles aus der Tiefe des Sees nach oben glitt, und plötzlich war überall Licht. Innerhalb von Sekundenbruchteilen dehnte sich die Säule aus, zerfiel aber gleichzeitig zu einem Bündel aus Tausenden haarfeiner Lichtstrahlen unterschiedlicher Intensität, das Boot und Passagier einhüllte wie der Strahl eines gigantischen Filmprojektors.
Als Martin zurückweichen wollte, stellte er erschrocken fest, daß er sich nicht mehr bewegen konnte. Es schien, als hätten die Lichtstrahlen seinen Körper in ein undurchdringliches Gespinst eingewoben. Er kämpfte dagegen an, aber das goldfarbene Netz gab keinen Millimeter nach. Erschrocken sah Martin, wie sich aus dem Zentrum der strahlenden Fläche eine gelbe Lichtkugel löste und langsam auf ihn zuschwebte. In panischer Angst versuchte er sich loszureißen, aber seine Muskeln gehorchten ihm nicht mehr. Er war micht einmal in der Lage, die Augen zu schließen, als sich die leuchtende Kugel seinem Gesicht näherte. 
Ihr Licht blendete ihn, aber der befürchete Schmerz blieb aus. Martin spürte auch keine Berührung, und so konnte er nur vermuten, daß ihn die Kugel im letzten Augenblick doch noch verschont hatte.
Die Attacke kam völlig unerwartet. Etwas drang in ihn ein - nicht in seinen Körper, sondern direkt in sein Bewußtsein. Es gab nichts, was diesen Angriff aufhalten konnte. Innerhalb weniger Augenblicke überrannte der Eindringling alle Barrieren, die Martin im Lauf der Jahre um sein verletzliches Ich aufgerichtet hatte. Er fühlte sich nackt nach diesem Ansturm, nackt in einem viel umfassenderen Sinne als dem der körperlichen Blöße, denn er war dem Fremden bedingungslos ausgeliefert. Das Gefühl, beobachtet, geprüft und analysiert zu werden, war demütigend. Und noch erschreckender war die Erkenntnis, daß der innerste Winkel seines Wesens vollkommen schutzlos offenlag, daß der fremde Geist Zugang zu seinen verborgensten Ängsten und seiner letzten Hoffnung hatte, daß er sie und damit auch ihn auslöschen konnte, wann immer er wollte ...
Einen Augenblick später befand sich Martin in einer anderen Welt, die von dem gerade Erlebten ebenso weit entfernt war wie von seinem gewohnten Umfeld. Sein Bewußtsein war plötzlich nicht mehr das einer Person, sondern Teil jenes unbekannten Universums, in das er sich versetzt sah. Er konnte sehen, hören, fühlen, denken, aber nicht nur von einem einzigen Standort aus, sondern an jedem Ort seiner Umgebung. Nichts von dem, was er innerhalb der Grenzen des im Zeitstrom dahinfließenden Raumes wahrnahm, erschien ihm fremd oder gar unheimlich. Selbst die fernsten Himmelskörper waren ihm vertraut und innerhalb von Augenblicken erreichbar. Nicht im physikalischen Sinne allerdings, denn in gewisser Weise war er ja bereits dort. Die vermeintliche Annäherung war nicht mehr als ein Wechsel der Perspektive. Dennoch genoß er es, wenn sich die Sterne scheinbar durch die Kraft seines Willens aus dem Dunkel lösten und in riesige, glühende Sonnen verwandelten. Er wußte, welche Planeten sie umkreisten und wie es auf deren Oberfläche aussah, ob es dort Wasser gab oder gar Leben. Er kannte jedes Tier, jede Pflanze, als hätte er Monate oder sogar Jahre auf ihren Heimatwelten verbracht. Und vielleicht hatte er das auch, denn seine Erinnerungen waren so vielfältig und präzise, daß er mitunter Mühe hatte, sich nicht in Einzelheiten zu verlieren. Es gab auch bewußtes Leben in seiner Welt, aber das war selten und zumeist so primitiv, daß sein Interesse daran rasch erlahmte. Die einzige Ausnahme bildeten die Menschen auf dem Nachbarplaneten seiner Heimatwelt, denen er sich auf schwer zu beschreibende Weise verbunden fühlte. Die Gründe für diese Beziehung lagen im Dunkel seiner Herkunft verborgen, ein blinder Fleck in seinem Gedächtnis und das einzige Rätsel, das nach wie vor der Lösung harrte. Oft hielt er sich unbemerkt in ihrer Nähe auf, um einzelne von ihnen zu beobachten. Dabei registrierte er nicht nur, was sie im Augenblick dachten oder sprachen, er durchforschte auch ihre Vergangenheit, alles, was sie erlebt hatten, selbst wenn sie sich nicht mehr daran erinnern konnten. Er kannte sogar ihre Träume, und manchmal spürte er das im Grunde irrationale Verlangen, an ihrem Leben teilzuhaben, einer von ihnen zu sein. Dabei hatte er längst die Erfahrung gemacht, daß sie ihn nicht verstehen konnten, selbst wenn er menschliche Gestalt annahm und ihre Sprache benutzte. Dennoch versuchte er es immer wieder, vielleicht weil er spürte, daß ihre Zeit zu Ende ging. Sie würden ihm fehlen. Manchmal spielte er mit dem Gedanken, sich einzumischen, den er aber sofort wieder verwarf. Ein Bruch der Regeln würde alles nur noch schlimmer machen. So konnte er nur hoffen, daß einzelne den Weg fanden, bevor die Katastrophe endgültig ihren Lauf nahm. Viel Zeit blieb ihnen nicht mehr ...
Das fremde Bewußsein gab Martin so unvermittelt frei, daß er das Gefühl hatte, innerhalb von Sekundenbruchteilen auf einen Bruchteil seiner ursprünglichen Größe geschrumpft zu sein. Wieder wechselte die Perspektive, und er fand sich an einem Ort wieder, der ihm seltsam vertraut erschien:
Er saß vor einem kleinen Cafe, knapp fünfzig Meter oberhalb des Strandes, und genoß den Blick auf das Meer. Kinder warfen sich kreischend in den Gischt der träge heranrollenden Wellen und ließen sich in Richtung Ufer tragen. Eine Dreimastbark glitt mit geblähten Segeln vorbei, gefolgt von einem Schwarm lärmender Möwen. Es roch nach Tang und den blühenden Sträuchern, die rings um das kleine Anwesen der Sonne entgegenwucherten.
Das Bier war kühl. Es machte Spaß, mit dem Finger über die beschlagene Oberfläche des Glases zu fahren. Im Vorgarten legte der Koch die ersten Fleischspieße auf den Holzkohlengrill.
Am Nachbartisch saß eine junge Frau vor ihrem Capuccino und las. Das straff nach hinten gekämmte und zu einem Knoten gebundene Haar verlieh ihrem gebräunten Gesicht eine strenge Note, die in reizvollem Gegensatz zu den weichen Schwüngen ihrer dunkel geschminkten Lippen stand ...
Doch etwas war anders.
Martin vermochte nicht zu sagen, was es war, bis die junge Frau das Buch sinken ließ und mit gerunzelter Stirn hinaus aufs Meer blickte. Etwas schien sie zu beunruhigen. Doch so sehr Martin seine Augen auch anstrengte, er vermochte nichts Ungewöhnliches zu erkennen. Das Meer lag ruhig unter der Last der Mittagssonne, nur in der Ferne tanzten winzige weiße Schaumkämme über die blaue Weite.
Schade, dachte Martin, als sich die Dunkelhaarige wieder ihrem Buch zuwandte, ohne von ihm Notiz zu nehmen. Das letzte Mal hat sie mir zugelächelt.
„Möchten Sie speisen, Signor?“ erkundigte sich der Kellner, der unbemerkt herangetreten war. Er lächelte zuvorkommend, schien aber nicht recht bei der Sache zu sein. Martin mußte seine Bestellung zweimal wiederholen, bevor der Junge verstanden hatte und sich mit einem gemurmelten „Grazie, Signor“ zurückzog. Auch er hatte Martin nicht ins Gesicht gesehen.
Das Lärmen der Kinder war verstummt. Es wurde still. Zu still. Lag das wirklich nur an der Mittagshitze?
Beunruhigt richtete sich Martin auf und sah hinunter zum Strand. Die Kinder waren noch da, drei, vier, vielleicht ein halbes Dutzend. Aber sie lachten nicht mehr, und sie liefen auch nicht weiter den Wellen entgegen, die sich träge dem Ufer entgegenwälzten. Sie standen stumm und starrten hinaus aufs Meer. Zwei von ihnen, ein und Junge und ein Mädchen hielten sich an den Händen. Sie sahen winzig und verloren aus, wie ein Geschwisterpaar, das sich verirrt hatte.
Etwas würde geschehen.
Die junge Frau am Nachbartisch schien es ebenfalls zu spüren, denn sie hatte ihr Buch weggelegt und war nach vorn ans Geländer getreten. Eine Zeitlang sah sie hinüber zu dem schmalen Dunststreifen am Horizont, dann nahm sie ihre Sonnenbrille ab und drehte sich zu ihm herum.
Als sich ihre Blicke trafen, erstarb das Lächeln auf Martins Lippen.
Es waren ihre Augen.
„Ich bin es wirklich, Marty“, sagte die dunkelhaarige Frau und ging einen Schritt auf ihn zu. „Verzeih mir.“ 
Es war ihre Stimme.
Martin sagte nichts. Seine Kehle war wie zugeschnürt. 
Es war Anna! Irgend etwas war mit ihrem Gesicht, aber sie lebte!
Er faßte sich erst, als er sah, wie der Körper der jungen Frau plötzlich ins Taumeln geriet. Martin sprang auf und konnte im letzten Augenblick verhindern, daß sie stürzte.
Wie oft hatte er Anna so in den Armen gehalten, damals ...
Sie sprachen nicht. Beide. Und sie lösten sich auch nicht voneinander, obwohl Martin spüren konnte, wie die Kraft in Annas Körper zurückkehrte. Sie schlang ihre Arme um seine Schultern und preßte ihn an sich. Fest. Martin atmete den Duft ihrer Haut, ihres Haares ein, und wußte, daß er sie nie mehr loslassen würde. Nie mehr ...
Ein dumpfes Grollen durchbrach die Stille. Eigentlich war es auch weniger ein Geräusch, als vielmehr ein tiefe Vibration, die er mit jeder Faser seines Körpers spüren konnte. 
Etwas würde geschehen.
Er sah, wie sich am Horizont etwas Dunkles aus dem Nebel löste, etwas, das sehr rasch größer wurde. Martin wußte, daß es kein gewöhnliches Unwetter war, was sich da auf sie zubewegte, doch seltsamerweise berührte es ihn kaum. Es war nicht mehr wichtig ...
Der anderen Gäste des Lokals waren ebenfalls aufgestanden, selbst der Wirt und die Signora hatten den kühlen Schatten des Gebäudes verlassen. Sie bewegten sich wie Schlafwandler, kein einziger sprach. Es roch verbrannt. Der Koch hatte vergessen, die Spieße vom Grill zu nehmen. Dann wurde es dunkel. Das Meer glänzte schwarz und geheimnisvoll im Schatten der heranjagenden Riesenwoge. Martin schloß die Augen und zog Anna noch ein wenig fester an sich.
Das Dröhnen wurde lauter, es klang jetzt wie das Brüllen eines riesigen, vorzeitlichen Ungeheuers, aber es vermochte Martin keine Furcht einzuflößen.
Was sollte ihm schon passieren? Anna war doch bei ihm.
Dann fiel die Dunkelheit herab und hüllte sie ein in ihr Gewand aus Nacht und Stille.


***
Martin erwachte mit schmerzenden Gliedern und vollkommen orientierungslos. Als etwas Weiches seine Hand berührte, sprang er erschrocken auf und beruhigte sich erst, als er erkannte, daß es nicht Schlimmeres als Meropes Zunge gewesen war.
Gleichzeitig wurde ihm auch klar, wo er sich befand: direkt vor dem Eingang des Felsentores. Die beiden Rummdogs hatten hier auf ihn gewartet. Was hätten sie auch sonst tun sollen? Jetzt, da er endlich ein Lebenszeichen von sich gegeben hatte, tänzelten sie aufgeregt um ihn herum und bellten auffordernd. Offensichtlich freuten sie sich, ihn wiederzusehen. Natürlich wußte Martin, daß ihre Begeisterung ausschließlich das Resultat geschickter Programmierung war, dennoch empfand er beinahe so etwas wie Rührung. Mittlerweile hatte er sich so an die Rummdogs gewöhnt, daß er sich ein Leben ohne sie kaum noch vorstellen konnte.
Nachdenklich sah er hinüber zum Höhleneingang und fragte sich, wie er überhaupt hierher gekommen war. Er konnte sich nicht an den Rückweg erinnern. Wahrscheinlich hatten sie sich darum gekümmert, auf welche Weise auch immer. Es würde interessant sein, die Videospeicher der Rummdogs auszulesen, auch wenn die entsprechenden Aufzeichnungen wahrscheinlich längst gelöscht worden waren. 
Wie lange war er eigentlich unterwegs gewesen?
Martin sah zur Uhr: kurz nach elf - also insgesamt fast sechzehn Stunden, von denen er sich höchstens an zwei oder drei erinnern konnte! 
Er griff nach seinem Rucksack, den jemand unmittelbar neben seiner Schlafstelle abgestellt hatte, und suchte nach Eßbarem. Er war hungrig und seine Zunge klebte trocken am Gaumen. Während der Brennsatz das Kaffeewasser erhitzte, versuchte er, die Bruchstücke seiner Erinnerung zusammenzusetzen. Das Ergebnis war unbefriedigend, von einer Tatsache, nein, einer Gewißheit abgesehen: Anna lebte! Weshalb hätte der Chanan ihm sonst ihr Bild zeigen sollen?
Flemming und die zuständigen Behörden mochten behaupten, was sie wollten. Martin wußte jetzt, daß sie noch am Leben war, und er würde sie finden. Die Aussicht beflügelte seine Lebensgeister ebenso wie der heiße Kaffee, den er während des Essens schlürfte. Deshalb zögerte er danach auch nicht länger, sondern pfiff die Rummdogs zu sich und gab das Kommando für den Rückmarsch: „Auf geht’s, Jungs - nach Hause!“


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