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Sioux
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Re: Unser Literatur-Ordner

16.10.2015, 18:19

Aerolith hat geschrieben:
Sie konnte ja schlecht behaupten, sie sei Mick Jagger oder ein Sioux. Ist das was anderes?

Das war Quark - dass Avatare so fast gar nichts aussagen sollte Dir klar sein-

Aerolith hat geschrieben:
... Du schweigst Dich ja darüber aus, dann meinst Du, daß jemand, der sich als Nationalsozialisten bezeichnet, keine gute Literatur schreiben kann?

Da hast Du Recht. Diese Antwort bin ich Dir noch schuldig.
Ich bin der Meinung, dass ich - mehr noch als Du - zwischen Wirken/Werken und Person unterscheide. Ich treffe keine Entscheidung über die Gesamtheit ihres Wirkens - gut oder schlecht. Einzelne Werke gefallen mir sehr wohl - auch wenn mich bspw. die schlussendliche Resignation in "Die Frauen von Nidden" stört. Andere Werke sind mir zu pathetisch. Letztendlich kann ich ihr Werk (als Ganzes) - anders als Du - nicht als rühmenswert einschätzen. Allerdings bin ich kein Literat. Fakt aber ist, dass sie ihre Fähigkeit (Aussagen in Metaphern zu verkleiden) nicht genutzt hat, um Menschlichkeit zu vermitteln. Poeten sind häufig (fortschrittliche) Freigeister, die sich nicht unterwerfen. Dieser Mut fehlt mir gänzlich.
Die restliche bisher geführte Diskussion ist ein - wenn auch großes - Puzzle-Teil für mich.
Fazit: Nein, für mich ist es keine wichtige Dichterin.


Mein erstes Spiel? Unbekannt! Mein erstes Spiel ohne erwachsene Begleitung 4. Juni 1983 (4:0 im Stadion der Weltjugend). Ich war elf ...
 
Aerolith
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Re: Unser Literatur-Ordner

17.12.2015, 08:38

Avatare sagen allerdings etwas über denjenigen aus, der sie einsetzt. Wenn ich mir eine Narrenkappe aufsetze, werde ich meist auch wie ein Narr behandelt. Das sollte einem halbwegs klardenkenden Menschen bewußt sein, wenn er sich wie ein gealterter Rockstar nennt. Mein avatar sagt auch etwas aus, das von terrier sagt etwas, das von Jörn und das von ratatoeskr auch.

Zur Adventszeit heute ein Hinweis auf die Geschichte. Zwischen Lehre und Leben lassen sich manchmal Verbindungen herstellen. Besonders schwierig wird das bei der Person Jesus. Meiner Meinung nach sollte er als Mensch betrachtet werden, denn nichts sagt mehr über einen "Gott" aus, als wenn er sich selbst Menschensohn nennt, während andere ihn als Gott verehren zu müssen glauben. Ich habe da mal eine historisch-sprachliche Annäherung an ihn versucht. 
Zuletzt geändert von Aerolith am 23.08.2017, 20:22, insgesamt 1-mal geändert.


 
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Re: Unser Literatur-Ordner

17.12.2015, 09:37

Aerolith hat geschrieben:
Avatare sagen allerdings etwas über denjenigen aus, der sie einsetzt. Wenn ich mir eine Narrenkappe aufsetze, werde ich meist auch wie ein Narr behandelt. Das sollte einem halbwegs klardenkenden Menschen bewußt sein, wenn er sich wie ein gealterter Rockstar nennt. Mein avatar sagt auch etwas aus, das von terrier sagt etwas, das von Jörn und das von ratatoeskr auch.

Deine Hausaufgabe für Heute:
1. Versuche zu ergründen was der Unterschied zwischen Avatar und Nickname ist.
2. Besuche die unten aufgeführte (sehr gut gemachte :mrgreen: ) Internetseite und vergleiche den Nickname des hier schreibenden Users mit dem dort aufgeführten Klarnamen. Vielleicht fällt dir ja was auf. Bild


Bild


Ich danke allen Beteiligten das ich nicht in Halle geboren wurde!
 
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Re: Unser Literatur-Ordner

17.12.2015, 09:48

na das ist doch mal ein interessanter text. wobei aus meiner sicht zu viel auf die frage, wer genau ist schuld an Jesus Kreuzigung eingegangen wird. ich weiß bei den christen/theologen ist das ein heiß diskutiertes Thema, aber warum eigentlich. wer immer schuld ist, ist schon lange tot. und Juden da irgendeine schuld zu geben ist ja eh lächerlich, weil Jesus selbst jude war. er ist als jude geboren und als solcher gestorben und wenn man ihn gefragt hätte, wäre er wohl nie auf die Idee gekommen sich als was anderes zu bezeichnen als ein Jude. zum Religionsstifter wurde er ja erst im nachhinein gemacht. wenn die Juden also eine Kollektivschuld haben, würde man ihm ja selbst die schuld geben als teil des kollektives. interessante frage am rande. war die Kreuzigung schlimm? ohne Kreuzigung keine Auferstehung, keine coole jesusgeschichte, kein Christentum?

ebenso interessant wäre die frage danach, wann er wie gesehen wurde. ich glaube dass er bis zum jahr 100 von überhaupt niemanden als Gott oder gottes sohn betrachtet wurde, weder von sich selbst noch von seinen jüngern. aber je länger er tot war desto mehr kamen um die ecke, die ihn erst als gottes sohn und später als Gott selbst zu bezeichneten gipfelnd im Konzil von Nicäa im jahr 325, wo per Abstimmung festgelegt wurde, was er eigentlich war. allerdings wird das relativ ungern beleuchtet habe ich das gefühl, weil wenn er sich selbst und von seiner Nachwelt von seinen Anhängern nur als mensch gesehen wurde und sich die Sicht erst später geändert hat, wäre die Wahrscheinlichkeit selbst aus gläubiger Christ Sicht sehr hoch, dass er auch nicht mehr war. und das würde den eigenen Jahrhunderte später festgelegten glauben ja irgendwo in frage stellen.


 
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Wirbel
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Unser Literatur-Ordner

20.12.2015, 20:44

Sioux hat geschrieben:
Aerolith hat geschrieben:
... Wenn Du mir Textstellen beibringen kannst, in denen sie der nationalsozialistischen Ideologie gemäß schreibt, revidiere ich mein Urteil über sie.

Agnes Miegel (28.05.1933) hat geschrieben:
... Ich wende mich täglich mehr
dieser neuen Zeit zu. Sie ist für
Deutschland, am allermeisten aber für uns
im Ostland nicht nur der neue Weg –
sondern der einzige Weg, unendlich hart
und mühselig in seinen Anforderungen für jeden ...

Agnes Miegel (Memelland/Über der Weichsel drüben) hat geschrieben:
... Nach Ostland wollen wir reiten,
nach Ostland wollen wir gehen! ...

Agnes Miegel (Mutterherz) hat geschrieben:
Als in Höhle und Dickicht Dein Erstgeborenes lag
Da, o Mutter, begann Deiner milden Herrschaft Tag!
Solange sich Erde begrünt, wird Dein Reich bestehn!
Krone wirst Du tragen, wenn alle Kronen vergehn!
Über Nacht und Gericht, noch aus dem Weltenbrand,
Streckst Du tröstend und rettend die heilende Hand,
Leben noch tragend im Tod, schirmend noch im Vergehn -
Wirst Du über uns, ewiges Sternbild stehn!

Zur Interpretation dieser Zeilen hilft die Kenntnis über die von Agnes Miegel verwendete Symbolik. 'Ewiges Sternbild' -> Deutsche Nation, 'Mutter' -> Deutschland
Agnes Miegel (An Deutschlands Jugend) hat geschrieben:
Wir stehen, wir Deutsche,
Volk das zu Volk fand, folgend dem Ruf des Führers,
Stehen zum erstenmal, nicht Gatten und Brüder
Nur allein, wir stehen, Frauen und Kinder,
Auf uns zu nehmen wie sie die Schrecken des Krieges:
Feuer und Nacht und Not und grausames Sterben,
Wie es das Schicksal bestimmt.

Natürlich verwendete Agnes Miegel nicht die platte, stumpfe Ausdrucksweise ihrer Zeitgenossen und dennoch glaube ich, ihre Übereinstimmung mit dem Regime zu erkennen. Bewusst habe ich auf die sogenannten Auftragswerke verzichtet. Insbesondere "An Deutschlands Jugend" mit der zeitgemäßen Attitüde bzgl. des Schicksalsbegriffes kann in meinen Augen als Bejahung zur totalen Hingabe, zum totalen Gehorsam, ja zum "totalen Krieg" verstanden werden.



Da. Irgend eine nationalsozialistische Gesinnung hinein interpretieren zu wollen halte ich für fanatisch.


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Unser Literatur-Ordner

20.12.2015, 20:47

Stefanie hat geschrieben:
Aerolith hat geschrieben:
Ich fragte nach NATIONALSOZIALISTISCHEN, RASSISTISCHEN Belegen

A.M.: " Wir werden ein nationalsozialistischer Staat sein – oder wir werden nicht sein! Und das wäre der Untergang nicht nur Deutschlands"




Das ist eine völlig wertfrei Feststellung die 100-prozentig zutrifft.


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Re: Unser Literatur-Ordner

12.01.2016, 11:55

Bin immer auf der Suche nach neuen und alten Worten. Heute zwei Beispiele aus Ostwestfalen:

Gniffelkopf und Miesepröppel.

Die Bildung neuer Wörter kennzeichnet die Substanz einer Sprache. Übernimmt sie zu viele Wörter aus anderen Sprachen, stirbt sie. Übernimmt sie keine Wörter aus anderen Sprache, erstarrt sie - und stirbt auch. Das rechte Maß besteht in der Verbindung des Fremden mit dem Eigenen - das nennt man Assimilation.
Zuletzt geändert von Aerolith am 23.08.2017, 20:21, insgesamt 1-mal geändert.


 
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Re: Unser Literatur-Ordner

26.01.2016, 20:38

Spät abends noch verrückte Geschichten lesen bekommt mir nicht, als ich gestern im Hallunkenforum allerlei Theorien über die Kartenvergabe las begann meine Fantasie Purzelbäume zu schlagen, innerhalb 120 Sekunden ersann mein Brägen einen Plot mit allerlei Anspielungen.
Irgendwie hatte ich keine Ruhe mehr und schrieb den Kram nieder.

Der folgende Text erhebt nicht den Anspruch gelesen, verstanden oder als unterhaltsam empfunden zu werden.
Rechtschreibung ist Glückssache.

Wegen der Vollständigkeit habe ich das erste Kapitel hier nochmal eingefügt, auch wenn ich es schon im Spieltagsthread gepostet hatte, der dort befindliche Post darf gerne ins Nirvana verschoben werden, sollte das Duplikat einen Mod stören.

Die Geschichte ist ein Fragment und fiktiv, Seitenhiebe sollten nicht überbewertet werden.



„shortcut to hell“


Kapitel 1

In der Nacht von Sonntag auf Montag Mitte Januar, ein schwarzer Kombi deutscher Herstellung rollt durch die verschneiten Straßen der Stadt, die dem Fahrer ungewöhnlich hell erscheinen.
Mit Freude registriert er den fehlenden Verkehr, lediglich ein Rettungswagen mit ausgeschaltetem Blaulicht schleicht ihm entgegen.
Endlich sieht er sein Ziel, ein Schild zeigt es ihm an: „ZOB“.
Er biegt ab ohne auf die Ampelphase zu achten oder zu blinken, fährt vorbei und findet schließlich einen Parkplatz der ihm zusagt, unter der einzigen defekten Straßenlaterne der gesamten Straße.
In Gedanken: „Lieber auf Nummer sicher gehen.“
Der Fahrer steigt aus und eilt zu Fuß zurück Richtung ZOB.
Er ist gut gekleidet, trägt einen halblangen schwarzen Wintermantel der nicht nur teuer aussieht, dazu einen dunkelgrauen Schal aus Kaschmir und schwarze Handschuhe aus feinstem Kalbsleder, die ein kleiner Familienbetrieb in Italien auf Kundenwunsch fertigt.
Ein Blick auf seinen Sport-Chronographen schweizer Bauart verrät ihm die Uhrzeit, 0:31 Uhr.
Während er den ZOB links liegen lässt und weiter Richtung Hauptstraße eilt, fällt auf, dass seine stimmige Erscheinung nicht so recht zu seinem nervösen Verhalten passt, immer wieder ein zaghafter Blick über die Schulter, am auffälligsten aber ist die Schachtel die er unter dem linken Arm trägt, sie will partout nicht zum Rest des Mannes passen, braun, von der Größe eines Schuhkartons, schmucklos.
Er biegt rechts in die Hauptstraße ein, geht unter den Gleisen hindurch, schafft es sich durch die Baustelle zu schlängeln ohne dabei seine Halbschuhe zu ruinieren und gelangt schließlich zum Kölner Platz. Ohne sich weiter umzusehen betritt er das Bahnhofsgebäude und geht zielstrebig auf die Schließfächer auf der linken Seite zu, in der oberen Reihe steht ein Fach weit offen.
Er schmeißt seine Last förmlich hinein, schließt die Tür und wirft, nachdem er in seiner rechten Manteltasche danach gewühlt hat, ein paar Euro in den Schlitz.
Ein leiser Fluch kommt über seine Lippen „Verdammt!“, dass Fach mit der Nummer 70 lässt sich nicht verschließen, er versucht den Schlüssel zu drehen aber trotz großen Kraftaufwandes bewegt dieser sich keinen Millimeter. Seine Nervosität steigert sich, er reißt die Tür des Schließfachs auf stellt sich auf die Zehenspitzen, langt in das Fach um die Schachtel wieder herauszufischen.
Fach Nummer 69 direkt darunter ist frei, die Tür war angelehnt, deshalb hat er es nicht gleich bemerkt. Wieder verstaut er seine unscheinbare Fracht, die ihm so schwer auf dem Gewissen lastet, er drückt den weißen Knopf an der Nummer 70, es klimpert dreimal und der Automat wirft sein Kleingeld wieder aus „Wenigstens etwas.“ denkt er sich und atmet dabei stoßweise aus.
Er dreht den Schlüssel an der 69, ohne Kraftaufwand schnappt das Schloss zu, die Anzeige springt auf eine rote Schrift „Besetzt“.
Er vergräbt beide Hände in den Manteltaschen und eilt den Weg zurück den er gekommen ist, ein Schauer läuft ihm den Rücken hinunter, der nicht gerade starke aber doch stetige Wind in der Elbstadt lässt ihn frösteln und seine Ohren schmerzen bereits als er wieder an seinem Wagen ankommt.
Ohne zu zögern steigt er ein, fischt einen kleinen gepolsterten Umschlag vom Rücksitz, wirft den Schlüssel hinein und klebt ihn zu. „Sicher ist sicher.“ denkt er sich und verstaut den Umschlag im Handschuhfach. Er lässt den Wagen an und fährt scheinbar ziellos durch die Stadt,
noch ist seine Aufgabe nicht vollends erledigt. Nach einiger Zeit des scheinbar ziellos Herumirrens findet er sich auf der anderen Seite der Elbe wieder, gerade fährt er an einem funktional-modernen, modern-funktionalem Bau vorbei, der so wohl überall in diesem Land zu finden ist, ein schmuckloses Gebäude in dem tagsüber Menschen arbeiten und das nachts totenstill daliegt. Er parkt in einer kleinen Nebenstraße, holt den Umschlag aus dem Handschuhfach und geht schnellen Schrittes zum Eingang des Gebäudes, vor den Briefkästen bleibt er kurz stehen, dreht den Umschlag noch einmal kurz in seiner Hand, er sieht den in sauberer Handschrift aufgeschriebenen Namen des Adressaten und daneben den Stempelaufdruck in schwarzer Schrift „Persönlich“.
Dann öffnet er die Klappe und wirft den Umschlag mit Schwung ein, ohne sich noch einmal umzusehen macht er kehrt und rennt fast zum Auto zurück.
Auf schnellstem Wege, er hat sich die Route bestimmt dreißig oder vierzig mal angesehen, überquert er die Elbe, fährt auf die Tangente und von da auf die Autobahn Richtung Süden.
Mit jedem Kilometer Abstand zu der Stadt, in die er sich am helllichten Tage nicht wagen würde, wird er ruhiger, sein Puls langsamer.
Er hat schon einiges an Strecke hinter sich gebracht, da fällt ihm erst auf wie warm es im Wagen ist, umständlich entledigt er sich der Handschuhe, des Schals und Mantels.
Mit jedem Kilometer Abstand zur verbotenen Stadt hört er deutlicher ein Pochen in seinem Hinterkopf, hat er wirklich das richtige getan ?




Kapitel 2

Montag, kurz vor Acht Uhr, ein Bürogebäude.
Ein Mann tritt durch den Eingangsbereich auf den langen Flur, die Mundwinkel umspielt ein mildes Lächeln unter wachen Augen.
„Guten Morgen Chef!“, schallt es ihm von hier und dort entgegen, er ist etwas früher dran heute, die Nacht verlief unruhig, tiefen Schlaf fand er nicht. Auf dem Weg in sein Büro gibt er die üblichen Begrüßungsfloskeln zum besten und fragt dann knapp „Korrespondenz?“.
„Schon gesichtet und auf dem Tisch.“ lautet die ebenso knappe wie freundliche Antwort, er bedankt sich und genießt das Gefühl in einem gut geschmierten Uhrwerk zu arbeiten, viele Worte sind nicht nötig, alle Zahnräder greifen ineinander.
Er schließt die Bürotür hinter sich, nach wenigen Minuten lässt er einen jungen Angestellten zu sich bitten, welcher noch nicht lange dabei ist. Nachdem dieser die Tür hinter sich geschlossen hat, lässt er seinen Charme sprühen, „Ich habe eine Bitte an Sie, jetzt da die Winterpause vorbei ist und wir uns wieder voll auf die Arbeit stürzen, wollte ich für alle Kolleginnen und Kollegen spontan ein Frühstück geben, leider komme ich hier heute nicht weg.
Würden Sie mir den Gefallen tun und für mich beim Bäcker die bestellten Brötchen abholen und veranlassen das der Meetingraum ein bisschen hergerichtet wird und Kaffee und Tee für alle da ist?“
Die Miene des Mitarbeiters hellt sich auf: „Aber gerne doch.“
„Sie können meinen Wagen nehmen, dann sparen Sie sich den Sprit und haben ausreichend Stauraum.“, mit diesen Worten erhob er sich und reichte den Autoschlüssel weiter.
In oscarreifer Manier ließ er den Mitarbeiter für den Bruchteil einer Sekunde wegtreten, nur um ihn dann mit gespielter Spontanität aufzuhalten und einen weitere Bitte nachzuschieben.
„Da fällt mir ein, ein Freund hat ein Päckchen für mich am Bahnhof hinterlegt, er ist hier gestern Abend umgestiegen und hatte nur wenige Minuten zwischen den Zügen, so dass ein Treffen nicht möglich war. Würden Sie das Päckchen für mich abholen, der Bahnhof liegt ja quasi auf dem Weg, ich habe beim Bäcker Braune bestellt, dort sind die belegten Brötchen einfach am besten. Ich weiß, ich weiß, private Gefallen gehören wirklich nicht in Ihre Zuständigkeit, aber es wäre sehr wichtig für mich und es müsste ja auch niemand erfahren.“ ein verschmitztes Lächeln rundet die Geschichte gekonnt ab, während er einem Zauberer gleich einen Schließfachschlüssel erscheinen lässt.
Der Mitarbeiter erklärt sich ohne weitere Umschweife dazu bereit und macht sich auf den Weg.
Nun auf seinem Bürostuhl sitzend hakt er in Gedanken einen Punkt mittlerer Priorität von seiner to-do-Liste ab.
Die nächste knappe Stunde ist normales Tagwerk, hier ein Anruf, dort eine E-Mail, nichts was seinen Geist wirklich fordern würde, so recht konzentrieren kann er sich sowieso nicht.
Dann ein kurzes Klopfen an der Bürotür. „Ja.“
Der in die Spur geschickt Verrichtungsgehilfe tritt ein und gibt schon während dessen bekannt: „Alles bestens, die anderen richten gerade den Meetingraum her und kochen Kaffee, die Überraschung ist gelungen.“ Die Tür fällt ins Schloss und er überreicht mit einem breiten Grinsen eine weiße Plastiktüte mit dem Aufdruck FCMTotal, „Ich dachte so ist es etwas unauffälliger, aber es haben sowieso alle nur auf die Bleche mit den belegten Brötchen geachtet. Bis gleich dann, Chef.“
Er sieht wie der Mitarbeiter die Tür hinter sich schließt und seufzt leise, eigentlich ein cleverer Bursche, aber er wird sich trotzdem um ihn kümmern müssen.
In Gedanken fügt er einen Punkt hoher Priorität auf seine to-do-Liste hinzu.
Dann steht er auf, steckt kurz den Kopf aus der Tür und verkündet: „Ich brauche noch zehn Minuten, bitte keine Störungen.“
Er geht zurück zum Scheibtisch, schiebt den Drehstuhl beiseite, greift zu der weißen Plastiktüte und zieht eine einfache braune Schachtel heraus, die Tüte stellt kein Problem dar und landet sofort im Mülleimer.
Ohne Umschweife bückt er sich und zieht die mittlere Schublade seines Rollcontainers auf und nachdem er kurz darin gewühlt hat, findet er den gesuchten Gegenstand.
Als er sich wieder aufrichtet hält er einen Schmuckdolch in seiner Hand, ein Exemplar mit stark geschwungener Klinge, wie es bei vielen primitiven Stämmen als Statussymbol gebraucht wird.
Die Scheide ist mit kunstvoll gearbeiteten Webknoten aus grobem Garn in der Farbe Weinrot verziert. Die Grifffläche ist mit weinrotem Leder umwickelt, es fühlt sich gut an, er vermutet Pferdeleder. Am Griffende ist ein enormer, aus Bronze gearbeiteter Bärenkopf angebracht, der sein Maul weit aufreißt und die Zähne fletscht.
Überhaupt war der Bär als Wappentier und Götze allgegenwärtig, als er bei dem kleinen primitiven Stamm in der Nähe eines morastigen, sumpfigen Gebiets, dass sie selber „berol“ nannten, weilte.
Der Bär war auf den meist recht einfach gehaltenen Handwerkserzeugnissen in aufrechter Pose abgebildet, auch hier das Maul aufgerissen, mal die Zunge herausstreckend, die Pranken zum Angriff erhoben, die höhere Detailverliebtheit des Griffstück lässt auf einiges an Wertschätzung des Stammes an seiner Person schließen.
Die weinrote Farbe stellte nach den alten und reichlich unglaubwürdigen Sagen der Stammesalten das Blut der mutigsten Krieger dieses Stammes dar, daran ließen sie keinen Zweifel.
Er musste einen Lacher unterdrücken und schüttelte den Kopf.
Er schob den leichten Anflug von Sentimentalität beiseite, zog ruckartig den Dolch aus der Scheide, mit einer Drehung des Handgelenks zeigte die rasiermesserscharfe Klinge aus dunklem, minderwertigem Stahl nach oben, die Spitze jedoch nach unten.
Mit 3 schnellen Bewegungen ritze er das braune Klebeband an der Schachtel auf, steckte den Dolch zurück in die Scheide und warf ihn achtlos zurück in die Schublade, dieser gab er einen Tritt und sie fiel scheppernd zu.
„Vergangenheit.“, dachte er, „Jetzt ist die Zukunft.“.
Seiner eigenen Philosophie folgend gab es für ihn nur die Zukunft, immer vorwärts und immer aufwärts.
Er klappte die Deckel beiseite und blickte in die Schachtel. „Amateure !“ entfuhr es ihm laut.
Er sah, dass sie als Einschlagpapier und Füllmaterial eine alte Ausgabe einer Regionalzeitung aus dem Süden verwendet hatten.
Grummelnd fügte er seiner to-do-Liste in Gedanken einen Punkt niedriger Priorität hinzu.
Nachdem er die Zeitung mit der verräterischen Herkunft beiseite geschlagen hatte, kam der Inhalt endlich zutage.
Papier, bunt bedruckt, im Vergleich etwas größer als die größten Euroscheine, dabei auch dicker, fein säuberlich gebündelt und gestapelt, mit breiten roten Gummibändern zusammen gehalten, auf dem Papier recht prominent platziert waren Zahlen: 6,7,8,9 und auch 10.
Die Gummibänder sind in seinen Augen so unverfänglich wie die weiße Plastiktüte von FCMTotal, keinen Punkt auf der to-do-Liste wert.
Er greift mit beiden Händen in die Schachtel, besinnt sich dann aber und kämpft den Drang nieder nachzuzählen, denn er hat seinen unsichtbaren Gegenüber in der Hand, voll und ganz, er würde es nicht riskieren ihn zu hintergehen. Jetzt lächelt er wieder.
Es ist ein breites Lächeln, dass die obere Zahnreihe freilegt, das ein Pokerspieler seinen Gegenspieler zeigen würde, nachdem er ihn erst in Sicherheit wiegte nur um ihm dann zu offenbaren, dass er den Royal Flush getroffen hat, ein Haifischlächeln.
So steht er hinter seinem Schreibtisch und gönnt sich den Luxus seine Gedanken einen Moment ziellos schweifen zu lassen.
Das klingeln des Telefons holt ihn zurück ins jetzt, ein Anruf von intern, „Ja.“.
„In zwei Minuten sind wir soweit, der Kaffee ist schon halb durchgelaufen.“
„Perfekt, danke.“
Mit geschickten Handgriffen zieht er die Tageszeitung aus der Schachtel ohne deren Inhalt auszuleeren, er faltet sie schnell und ohne Sorgfalt und stopft sie dann in seine dunkelbraune, leicht abgewetzte Aktentasche, in der bereits ein kleiner gepolsterter Umschlag wartet.
Er wird auf dem Nachhauseweg einen Umweg machen müssen.

Mit der Schachtel unter dem Arm tritt er zu einem Bücherregal mit bunt zusammengewürfeltem Inhalt, mit der freien Hand beginnt er Bücher zu greifen und auf ein benachbartes Sideboard zu stapeln.
Nach dem er drei Hände voll Bücher umgestapelt hat, erscheint ein Wandtresor, es ist ein Modell mit klassisch rotierendem Zahlenschloss, mechanisch, zuverlässig, schnörkellos, robust, eine bewusste Wahl.
Er dreht die Zahlenkombination ein: 74, 19, 65, 6
Bei der letzten Zahl schnalzt er laut mit der Zunge, er weiß nicht wann diese Marotte anfing oder warum.
Er verstaut die Schachtel im Safe, stellt die Bücher in der richtigen Reihenfolge ins Regal zurück, dreht eine Kontrollrunde um seinen Schreibtisch und geht dann zur Bürotür.
Eine Hand ruht auf der Klinke, einmal tief durchatmen, das milde Lächeln unter wachen Augen ist zurück. „Showtime!“
Dynamisch tritt er hinaus in den Flur....


 
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Re: Unser Literatur-Ordner

26.01.2016, 23:02

;!


Einmal - immer!

Dieser Fußball, den wir spielen, der passt in diese Stadt, der passt in dieses Stadion, zu diesen Leuten! Jens Härtel
 
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Lilly Lindner: Splitterfasernackt

30.03.2016, 21:13

ride free, willst Du zu Deinem Text ein wenig Textarbeit?

Mir wird oft vorgeworfen, ich interessierte mich zu wenig für die gegenwärtige Literatur. Nun, ich versuche es immer mal. Kürzlich gab mir eine Freundin ein Buch, das oben genannte von Lilly Lindner. Hier meine Leseeindrücke:

Das hochgelobte Buch der Bärlinerin Lilly Lindner (Jg. 1985) liegt mir vor. Ich muß es lesen, sonst schimpft Gretchen mit mir.
Ich bin bis Seite 40 gekommen und würde es der Ecke der unbezwungenen Denkmuster subsumieren, aber, wie gesagt, ich muß...
Nein, ich beginne nicht mit dem Positiven, da wäre ich zu schnell fertig.
Die Ich-Erzählerin wird mit 6 Jahren von einem Mann in der Nachbarschaft vergewaltigt.
Soviel zum Plot, der auf Seite 11 zu Ende erzählt worden ist. Die nächsten Seiten passiert im Grunde nichts. Sie geht zur Schule, sie schaut auf Wände, sie hat den Lebenswillen verloren. Sie bekommt früh Brüste und will sie nicht. Sie bringt erst schlechte Noten, die aber immerhin fürs Gymnasium reichen, dann gute Noten nach Hause. Der Vater ist mal laut, meist leise, die Mutter ist immer hysterisch, in beiden Ausprägungen. Freundinnen kann sie nicht finden, sie will sterben, ritzt sich, will in die Klapse, wo ein Insasse namens Philipp eine namentliche Erwähnung findet.

Mehr hier.
Zuletzt geändert von Aerolith am 23.08.2017, 20:21, insgesamt 1-mal geändert.


 
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Re: Lilly Lindner: Splitterfasernackt

30.03.2016, 23:58

Aerolith hat geschrieben:
ride free, willst Du zu Deinem Text ...

Klassiker. Heiße Luft.


 
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Frühling (tempus vernum)

23.05.2016, 09:15

Unser Frühlingsgedicht:


tempus vernum (von andere dimension)

   auf dem offenen feld
   einer ausgeweideten nacht,
   musiziert der frühling in vollfarben
   und spült die artefakte
   unserer liebe
   ans licht...

   ...ein entwurf der hoffnung,
   zwischen statischer ästhetik
   und kunstvoller strömung...

   ...fließende übergänge,
   in den räumen hinter
   den fenstern zweier welten,
   die wie gotische kathedralen
   das stehende heer
   der ewigkeit
   beflanken
Zuletzt geändert von Aerolith am 23.08.2017, 20:20, insgesamt 1-mal geändert.


 
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Langzeitarbeitslosigkeit

09.07.2016, 09:22

Gruppendynamik, Gleichheitswahn, Entpersonalisierung, Langzeitarbeitslosigkeit, fettes Essen und die Ungeduld der Ungeduldigen, es möge doch endlich etwas in ihrem Leben geschehen.

Moderne Prosa hier
Zuletzt geändert von Aerolith am 23.08.2017, 20:19, insgesamt 2-mal geändert.


 
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Re: Langzeitarbeitslosigkeit

09.07.2016, 12:28

Aerolith hat geschrieben:
Gruppendynamik, Gleichheitswahn, Entpersonalisierung, Langzeitarbeitslosigkeit, fettes Essen und die Ungeduld der Ungeduldigen, es möge doch endlich etwas in ihrem Leben geschehen.

Moderne Prosa hier...


Den eigenen Ansprüchen zu genügen, anderen etwas recht machen, mit aller Kraft gut sein zu wollen und doch gelingt so wenig. So wenig? Nein! Es ist der Blickwinkel, der uns so ungeduldig macht. Nicht mehr.
Gut wenn "Schreiberlinge" das so in Worte und Sätze fassen können und dafür sorgen, dass z.B. ich mein Gehirn einschalten muss.


Gegen Videobeweise im Fußball. Für Emotionen!
 
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Re: Unser Literatur-Ordner

04.08.2016, 07:59

Der Tag bricht an:

Die Sonne scheint durch's Kellerloch,
so lass sie doch, so lass sie doch!
:mrgreen: :o


Man kann verlieren...Die Frage ist: Wie
ich hoffe, mir wird verziehen, dass ich eine eigene Meinung habe
 
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Re: Unser Literatur-Ordner

15.08.2016, 16:50

Es gibt nun nicht nur gute Literatur, anspruchsvolle, sondern auch schlechte, Einwegliteratur. Für manch einen ist die aber gar nicht schlecht.

Kategorie "Schlechte Gedichte" hier! Vül Spaß!
Zuletzt geändert von Aerolith am 23.08.2017, 20:16, insgesamt 1-mal geändert.


 
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Re: Unser Literatur-Ordner

12.09.2016, 21:04

Die letzten Tage des Sommers geben noch mal alles. Aber sein Tod ist unvermeidlich. Depriwetter folgt.

Abschied vom Sommer. Gestorbener Sommer
Zuletzt geändert von Aerolith am 12.12.2017, 19:02, insgesamt 2-mal geändert.


 
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Herbst-Text

26.10.2016, 09:24

Ein nicht ganz ernstzunehmendes Herbstgedicht verfaßte Bernd G.
Zuletzt geändert von Aerolith am 23.08.2017, 20:13, insgesamt 1-mal geändert.


 
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Re: Unser Literatur-Ordner

23.08.2017, 20:08

Wer Lust auf ne altmodische und traurige Geschichte von einem Mädchen und seinem Ahornbaum hat, der muß auch Kitsch mögen. Ich mag ihn - manchmal.

P.S. Die fehlerhaften Links in oberen Einträgen bitte ich zu entschuldigen. Repariere ich die nächsten Tage.


 
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Re: Unser Literatur-Ordner

06.10.2017, 16:59

Wir befinden uns im Monat Oktober 2017. Vor 500 Jahren schlug Luther seine Thesen an die Kirchentür zu Wittenberg und setzte damit eine Revolution in Gang, die bis heute nachwirkt. In Magdeburg befand sich die finanzielle und organisatorische Schaltstelle der Reformation. Wir haben diesen Kampf ausgefochten - und gewonnen! Trotz Kaiser- und Papstgegnerschaft und erst recht, nachdem Tilly im Namen des Kaisers unsere Stadt dem Erdboden gleichmachte. Wir stehen immer wieder auf und trotzen im Geiste der Freiheit und Selbständigkeit. Das ist der Geist, der uns großmachte und bis heute antreibt. Gegen alle und jeden, der das behindern oder gängeln will.

Im Kulturhistorischen Museum wird dieser Tage eine Ausstellung mit dem programmatischen Titel "Gegen Kaiser und Papst" gezeigt. Ich habe sie mit einer Freundin besucht, und wir haben ein paar Anmerkungen dazu zu machen.

Gegen Kaiser und Papst (eine Ausstellung im Kulturhistorischen Museum Magdeburg)


Die von der Welt gezeichnete bedeutsame Stadt Magdeburg hatte eine ihrer Hochzeiten während der Luther-Epoche. Es geschah in Magdeburg, als sich die vom Stadtpatriziat bestimmte Ulrichskirchengemeinde als erste im Reich vom Papsttum in Rom lossagte und damit ein Signal für alle anderen vom Stadtpatriziat dominierten Gemeinden gab: Köln, Straßburg, Augsburg, Leipzig und eine östlich gelegene Kleinstadt namens Berlin folgten wenig oder sehr viel später. Der Protest, der nichts anderes war als ein Einklagen von Gerechtigkeit und Selbstbestimmtheit in einer Frage, die damals die wichtigste war, nämlich die des Verhältnisses zum persönlich empfundenen Gott, gab der Bewegung auch bald den Namen: Protestanten. Das war keine Zufälligkeit, daß sich dieser Protest zuerst in Magdeburg in Ostfalen artikulierte. Die alte Kaiserstadt war reich und besaß eine große Vergangenheit, sie war der Ausgangspunkt für die Ostexpansion der Ottonen, ihr gewählter Lieblingsort - zudem beherbergte sie einen Gerichtshof, an dem wichtige Fragen entschieden wurden, die mit dem Magdeburger Stadtrecht verbunden waren, das seinerzeit an allen wichtigen Ortsgründungen östlich der Elbe bis weit nach Rußland hinein Anwendung fand. Da schwoll den Magdeburgern der Kamm und sie dünkten sich als die Größten der Welt. Klarerweise. In Magdeburg macht man es seither nicht unter Kaiser und Papst, alle anderen sind uns drittklassige Gegner!
Frohen Mutes gingen wir also in die zur Zeit angebotene Ausstellung „Gegen Kaiser und Papst“ im Kulturhistorischen Museum zu Magdeburg.
Dem naiven Betrachter fiel der Einstieg im ersten Raum recht schwer – was haben Wandteppiche aus Mallorca sowie diverse Vasen mit der Reformation in Magdeburg zu tun? Natürlich könnte man meinen, Karl der V. sei König Spaniens und gleichzeitig römischer König gewesen; allerdings darf man sich doch recht sicher sein, daß ebendieser keine eher dürftigen Wandteppiche in seinem Schlafzimmer hängen hatte. Vorschlag zur Güte; hängt doch vielleicht eine Sutane eines katholischen Priesters, sowie die eines protestantischen nebeneinander, sollte ein künstlerischer Einstieg gewünscht sein.


Wir haben das fünfhundertste Jahr seit Thesenanschlag, ein guter Zeitpunkt. Was soll eine Ausstellung im Kulturhistorischen Museum leisten? Sollen Fragen für die Gegenwart aufgeworfen werden? Soll gelehrt oder problematisiert werden? Soll der Protestantismus nähergebracht werden?


Vom eigentlichen Geiste des Protestantismus war unserer Meinung nach wenig zu sehen. Einmal schwang er durch bei dem Bericht über einen Handwerkermeister, der von einem Altgläubigen wegen des Abgrölens lutherischer Gedanken zur Rechenschaft gezogen werden sollte, was aber am Widerstand breiter Bevölkerungskreise in Magdeburg scheiterte und belegt, daß die Reformation eine aus dem Volk kommende Bewegung gewesen war, wie Protest es fast immer ist, denn das Volk spürt am ehesten eine verrückte Welt, eine nur noch dem Establishment und seinen Interessen dienende Rechtsordnung, die dadurch eben zur Unrechtsordnung wird – ganz ähnlich der heutigen Zeit, in der im nachhinein Rechtsbrüche legitimiert werden sollen.
Uns nicht bewußt wurde die eigentliche, hintergründige Intention dieser Ausstellung. Bildungsbürgerbespaßung? Arbeitsbeschaffung für unterbeschäftigte Museale? Gleichgültig. Es wurden Möglichkeiten verspielt, die Reformation, den Protestantismus, das Luthertum als eine soziale Bewegung auch für die heutige Zeit transparent zu machen. Geschichte ist nicht (nur) etwas Vergangenes, sondern v.a. die Interpretation von Vergangenem, ein Ausschnitt allenthalben. Interpretation aber benötigt Gegenwartsbezug und Zukunftsentwurf, dann erst wird sie bedeutsam. Bedeutsamkeit jedenfalls war im KHM nicht zu spüren.


Aber es gibt auch Positives zu berichten: Dem Museumsbesucher selbst überlassen war die Entscheidung, hinter den Lichtschutz einiger besonders wertvoller Bilder zu schauen, was die Neugierde weckte. Auch die Raumaufteilung war im Vergleich zum Naturkunde-Abteil äußerst gelungen. Wände und Raummitten waren angenehm locker arrangiert. Vitrinen und Gemälde ergänzten einander thematisch. Multimedial war diese Ausstellung gut aufgearbeitet, für jeden Typ war etwas vorhanden; auditiv, interaktiv, visuell. Auch farblich interessant, nur fragten wir uns, ob das Rot und Lila jeweils für eine Seite der Kontrahenten Papsttum/Protestanten stand; leider nicht. Rollenhagen und Melanchthon gehörten zur selben Seite, erhielten aber verschiedene Farben. Kein Wettstreit zwischen den sonst guten Blauen (die die Sehnsucht im Herzen tragen) und den Lila-Roten (die ihre Macht gewaltsam durchsetzen wollten). Die Zuweisung der Farben schien willkürlich, was zum Teil für Verwirrung sorgte. Wer erwartet hätte, die multimedialen Möglichkeiten vollständig ausgeschöpft zu sehen, wurde dann doch enttäuscht. Denn es fehlte an bewegungsinduzierter musikalischer Begleitung der Ausstellung, wo doch gerade Martin Luther einen so großen Beitrag zur kirchlichen Musik leistete.


Nun ja, so ein Besuch im KHM ist jedenfalls immer amüsant. Vielleicht war das Einhorn-Skelett am Eingang, das aufgrund der vermuteten Morphologie wohl niemals so würde existieren können, ein Hinweis für den Duktus, in dem die Ausstellung „Gegen Kaiser und Papst“ vom Magdeburger verstanden werden sollte: So was jibt’s ja jar nich!

auch hier


 
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Re: Unser Literatur-Ordner

01.11.2017, 19:17

Wer hat eine Idee, wie diese Geschichte weitergehen könnte?

Du gehst also nachts durch dieses verschlafene Nest, denkst an dieses Mädchen aus LA, dessen Namen Du schon längst vergessen hast, denkst an die Leute von damals, an Rickys Bar, an Whisky und Gin Tonic, an Tom, der den Hobo Blues auf seiner Maultrommel geblasen hatte, als wären ihm die apokalyptischen Reiter auf den Fersen und an das Gefühl, trotz allem ein Fremder in dieser Stadt zu sein.
Irgendwo zwischen dem Atlantischen und dem Pazifischen Ozean liegen Deine Träume begraben, irgendwo dort schlagen die kläglichen Überreste Deines Herzens, und dieses Mädchen aus LA, dessen Namen Du schon längst vergessen hast, ist auch nur ein weiterer gefallener Engel in dieser großen Illusion Amerika.
Damals hattet ihr euch jeden Abend in Rickys Bar getroffen, wart irgendwie immer wieder dort gelandet - Du, und all die anderen Ausgebrannten, Gescheiterten, Typen mit vollgestopften Köpfen und leergeräumten Taschen, mit billigen New-York-City-Flittchen, die vor prügelnden Ehemännern auf der Flucht waren, im Schlepptau und dem halbherzigen Glauben an die große amerikanische Hure und den niemals versiegenden Quell ihrer verlogenen Titten. Die ewige Lüge; der ewige Selbstbetrug. Du verkaufst Deine ohnehin nur geliehene Seele für Dinge wie Laufmaschen in ordinären Nylonstrümpfen, schmutzige Kneipen, billige Motels, falsche Blondinen mit ebensolchen Wimpern, Lippenstiftreste an Whiskygläsern und mit rauchiger Stimme ins Ohr gehauchte Lügen, während Du billige Drinks kippst und in einem Anfall vorgetäuschten Selbstzweifels über Dein verschüttetes Leben sinnierst.
Irgendwo zwischen Denver und Albuquerque hatte es begonnen, auf irgend einem dieser gottverlassenen Highways in dieser verschissenen Wüste warst Du ihnen zum ersten Mal begegnet; diesem Mädchen, dessen Namen Du schon längst vergessen hast und Ricky, der hinter die schweinchenrosafarbenen Fassaden der großen Hure geschaut -, ein Heiliger, der es gelernt hatte, mit der Lüge zu leben, nachdem ihm der American Dream einen Tritt in den Arsch verpaßt und ihn wie einen verschimmelten Hot Dog in die Gosse geworfen hatte. Für Dich war er ein Gefallener und Wiederauferstandener auf dieser endlosen, staubigen Straße Leben gewesen und auf einem Baum ein Kuckuck... Simsalabimbambasaladusaladim... auf einem Baum ein Kuckuck saß... (Quelle)


 
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Re: Unser Literatur-Ordner

22.11.2017, 18:21

Keltische Dichtungen, Wörter und Informationen in einem Sammelordner seit 2001! Hier.


 
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Re: Unser Literatur-Ordner

12.12.2017, 18:56

Ein Weihnachtsgedicht in Robert-Gernhardt-Manier.

Ich saß mit Schwiegermutter
Karola, unterm Baum,
zum Weißbrot gab es Butter,
als Nachtisch Knoblauchschaum.

Wohl gab es auch Geschenke,
für mich ein Sack voll Reis
und neue Hüftgelenke,
sofern ich das noch weiß.

Von mir bekam sie Zähne,
mit Patina und Schmelz,
und wenn ichs schon erwähne,
auch einen Tigerpelz.

Bald trug ich sie zu Grabe,
sie fehlt mir, ach so sehr,
woran ich mich auch labe,
es weihnachtet nicht mehr.

Frohes Fest!


 
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Re: Unser Literatur-Ordner

03.01.2018, 09:59

Wer viel schreibt, der bekommt Hunger - und Durst! Schreiben und kochen sind wesensverwandt. Also hier isser, der Koch-Ordner für Schreibende.


 
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Re: Unser Literatur-Ordner

03.01.2018, 10:26

Aerolith hat geschrieben:
Ein Weihnachtsgedicht in Robert-Gernhardt-Manier.

Ich saß mit Schwiegermutter
Karola, unterm Baum,
zum Weißbrot gab es Butter,
als Nachtisch Knoblauchschaum.

Wohl gab es auch Geschenke,
für mich ein Sack voll Reis
und neue Hüftgelenke,
sofern ich das noch weiß.

Von mir bekam sie Zähne,
mit Patina und Schmelz,
und wenn ichs schon erwähne,
auch einen Tigerpelz.

Bald trug ich sie zu Grabe,
sie fehlt mir, ach so sehr,
woran ich mich auch labe,
es weihnachtet nicht mehr.

Frohes Fest!

;! Ich habe schon Schlechteres gelesen.
Vllt. solltest du ruhig öfter mal solche Dinge hier reinstellen, als mit deinen vielen Links die User auf deine Seite zu locken.
Gesundes neues Jahr!


 
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Mit verbrannten Flügeln

27.01.2018, 09:43

Das wirst Du schon mir überlassen müssen, wie ich meinen eigenen Ordner führe. Am "Locken", wie Du das nennst, habe ich kein Interesse, nur an begabten Autoren. Die aber hätten sich, sofern es sie hier gäbe, schon langst mal in den letzten zehn Jahren bei mir blicken lasse, seit ich in diesem Forum schreibe. Nein, dieser Ordner dient nicht der Lockung, sondern der Information, aber auch der Bespaßung.
Ein neuer alter Text soll's denn auch heute wieder sein. Die Autorin gab sich seinerzeit viel Mühe mit ihm, fand aber wenig Resonanz. So ist das manchmal; man gibt sich Mühe - und keiner dankt es einem:

Mit verbrannten Flügeln

Er wollte die Stadt nicht mehr sehen. Er lehnte sich mit geschlossenen Augen in seinem Flugzeugsitz zurück und versuchte die Übelkeit zu unterdrücken, die ihn jedesmal beim Start überkam.
Die Nachmittagssonne durchdrang seine Lider, ließ ihn in ein glutrotes Gleißen blicken. Er sehnte sich nach Stille.
Aber nicht die Art von Stille, die er gestern in dem Sterbezimmer seiner Mutter verlassen hatte.
Fast zwei Tage hatte er in diesem Raum verbracht, alleine mit seiner sterbenden Mutter, die er über zwanzig Jahre nicht mehr gesehen hatte. Bei ihrer letzten Begegnung davor, war sie bewußtlos und ihr Gesicht von Blutergüssen entstellt gewesen.
Als er vorgestern in der Stadt ankam, um dann sofort vom Flughafen zum Krankenhaus zu fahren, versuchte er, so wenig wie möglich aus dem Fenster des Taxis zu blicken. Hätte der Anruf der Stationsärztin nicht so dringend, fast flehend geklungen, er wäre nie wieder hierher zurückgekehrt. Er haßte seine Heimatstadt, er haßte seine Kindheit, die er hier verbracht hatte, er haßte die Menschen die hier lebten - das war ohne Zweifel ungerecht, denn gequält hatte ihn nur sein Vater - ließ sich aber nicht ändern. Er brauchte nur den bayerischen Tonfall zu hören, um sofort wieder alles Scheußliche lebhaft vor Augen zu haben.
Den Vater hatte er eigentlich zweimal das letzte Mal gesehen. Einmal, als er mit siebzehn blutend und vor Wut zitternd von Zuhause ausgezogen war. Und dann das andere Mal, an jenem Abend fünf Jahre später. Diese allerletzte Begegnung sah er noch deutlicher vor sich, als es ihm lieb war.
Damals. Er war gerade siebzehn geworden, ein heißer Junitag und er saß mit seinem Freund Pit in seinem Zimmer. Er massierte Pit den Rücken. Nicht nur wegen der Hitze hatten beide ihre Hemden ausgezogen. Sein Vater mußte schon eine Weile in der Tür gestanden und sie beobachtet haben. Erst als er begann, die Massage auf Pits runde Pobacken auszudehnen, stürzte der Vater sich auf ihn.
Schwule Sau, waren noch die harmloseren Beschimpfungen die von brutalen Schlägen begleitet wurden.
Sein Freund war barfuß, mit bloßem Oberkörper aus dem Haus geflohen. Ihn hat er nie wiedergesehen. Hätte sich die Mutter nicht dazwischen geworfen, hätte ihn der Vater noch schlimmer zugerichtet. Er hatte die schrille Stimme der Mutter noch deutlich im Ohr, bitte, bitte schlage ihn nicht mehr. Sven kann doch nichts dafür. Vielleicht, wenn er ein nettes Mädchen kennenlernt....
Er hatte zwar später viele Frauen kennengelernt, aber das änderte nichts an seiner Homosexualität. Jetzt lebte er schon seit vielen Jahren in Madrid und führte mit seinem Lebensgefährten ein gut sortiertes Antiquariat.
Er versuchte sich zu erinnern, was er seinem Vater zum Abschied gesagt hatte. Es war etwas sehr Wahres und Pathetisches etwas, das nur ein zutiefst gekränkter Junge sagen konnte. Der genaue Wortlaut wollte ihm nicht mehr einfallen, aber es begann bei den alten Griechen und endete bei Gott. Seine Mutter hatte weinend neben dem völlig stoischen Vater an der Haustür gestanden.
Er war noch am selben Tag ausgezogen, höchstens eine Stunde nach dieser Szene an deren Ende die Mutter fast ebenso zerschlagen in seinem Zimmer zurückblieb, wie er selber. Er hatte damals direkt beschlossen keine weitere Nacht mehr dort zu verbringen, obwohl er nicht wußte, wohin er gehen konnte. Schnell waren einige Dinge in seine große Sporttasche gepackt. Er hatte damals tatsächlich daran gedacht, die Wintersachen mitzunehmen, obwohl es Juni war. Als die Mutter dies bemerkte, wurde ihr Schluchzen verzweifelt. Nie wieder war er sich bei einer Entscheidung so sicher gewesen, wie an diesem Tag.
Seine sexuelle Veranlagung war ihm schon lange klar gewesen. Eigentlich seitdem er das erste Mal Lust gespürt hatte. Natürlich war ihm klar, der Vater würde so etwas nie akzeptieren können. Trotzdem hatte er gehofft, sich zumindest erklären zu können. Aus einem für ihn damals völlig unverständlichen Grund lag ihm viel daran, von seinem Vater nicht verachtet zu werden. Als Sven jetzt daran dachte, mußte er lächeln. Ein Gong und die Stimme des Kapitäns brachten ihn in die Gegenwart zurück. Die Stewardessen begannen, die Getränke auszuteilen. Er sah auf die Uhr - merkwürdig, erst vor achtundvierzig Stunden war er vor dem Krankenhaus aus dem Taxi ausgestiegen, um seine Mutter nach über zwanzig Jahren wiederzusehen. Und jetzt war sie tot. [..]


 
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Re: Unser Literatur-Ordner

18.02.2018, 11:31

Pawel-Iwanowitsch Nr. 78

Pfiiiuuuuu, Pfiiiuuuu
pfiff der Wind durch die Fensterritzen der ärmlichen Behausung von Pawel-Iwanowitsch, die sich in einem Vorort von Omsk gänzlich in Schnee gebettet verbarg.
Väterchen Frost ward also wieder einmal über Mütterchen Russland gekommen, die Wölfe heulten mit dem Wind und außer den Wodkagläsern klirrte die Kälte.
Das Neujahrsfest stand bevor, was Pawel-Iwanowitsch nicht davon abhielt, wie immer in seiner Küche, die auch Wohn-und Schlafgemach beinhaltete, unter dem Tisch zu hocken und den Dingen nachzugehen, die ihn am Leben hielten: Er trank Wodka und aß dazu rohe Zwiebeln.
Nichts liebte er so, wie unter seinem Tisch zu sitzen, eine Pulle Klaren neben sich und einen Sack Zwiebeln.
Ha. Mochte der Wind pfeifen, der Himmel herabstürzen oder es sich herausstellen, daß die Erde nun doch keine Kugel, sondern ein Betonwürfel - ab dafür!
Ihm völlig schnuppe.
Und dies nun schon seit 17 Jahren.
Was da genau vor 17 Jahren geschehen, vermochte Pawel-Iwanowitsch nicht mehr genau zu benennen - das einzige, was er noch von dieser Zeit wußte war, daß es ziemlich lange dunkel und dann plötzlich ganz hell geworden war. Und dieses Hell war grell, so grell und gleißend, daß es schmerzte.
Pawel-Iwanowitsch wurde nicht gern daran erinnert.
Nur manchmal schien ihm, daß der Wind davon erzählte - aber im nächsten Moment war es nur das alte Lied, daß jener pfiff -
Pfiiiuuuuu - Pfiiiuuuuu.
Samstags ging Pawel-Iwanowitsch außer Haus.
Jeden Samstag.
Er nannte diesen Tag "Schwanentag".
Warum, ist letztendlich nur zu erahnen, sicher ist, daß er an diesem Tag in die öffentliche Banja ging. Dort schwitze er mit einigen im Gleichgesinnten was das Zeug hielt, ließ sich ordentlich die Birkenzweige um den Körper schlagen, trank Bier und aß Salzfisch.
Dies nahm mehrere Stunden in Anspruch.
Anschließend kaufte er sich seinen Wochenvorrat an Wodka und Zwiebeln.
Einmal, es mag schon fünf sechs Jahre her sein, da klopfte es eines mittags plötzlich an seiner Tür. Hm, wer mochte das sein?
Pawel-Iwanowitsch war so verdaddert, daß er gar nicht zu antworten wagte.
Saß nur da und bibberte.
Kurze Zeit später hörte er sich entfernendes Stiefelgeschlurfe.
Das ist eigentlich alles, was es von Pawel-Iwanowitsch zu berichten gibt.
Pfiiiuuuuu - Pfiiiuuuuu.

Diskussionsordner zum Text hier


 
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Re: Unser Literatur-Ordner

15.03.2018, 05:32

Kalendarisch soll es zwar Frühlingserwachen geben, aber der Frühling will in diesem Jahr nicht so recht erwachsen werden. Vielleicht hülft ja eine kleine Aufforderung:

"drei monaden frühlingshaft unbedingt", urteilte der verdichter.
allen steckwinkeln innt und allen quellporen aust jetzt nur eins: frühding, frühfink, blühflink! geldkohlen preisen, jedherzen jauchen: der lenz, der faulenz ist da! grün, gelb und grau schnäbelt es tirili, im garten amselt weckgesang auf uns. der maul wurft untergründig wieder auf die erde. blätter und halme lichte zum spriessen hellgrün. bienen erwachsen, blütengelockt und windische treiber ausstürmen den winter. schneeflöckchen läuten, krokusse küssen und märzenfüllen bechern süssen nektar. brennnesseln platzeln sich um den drang an der sonne während der nusswal seine knospenaugen noch halt geschlossen festet. auch zeitet ostern es unvermeidlich jedwie des jahr und der wachs tagt täglich zwei finger breit.
die bauern felden zu fahren, zu ersten die saaten, zu späten die ernten. die tierlein paarig zugange, sie bruten die nestern und wurfen zu jungen. dies alles artet zu dienen erhalt. desgleichen menscht tun, nicht ohne versisch zu hymnen und anzudrechseln die liebe. die steigenden säfte überallen und die drängen sprossen und stängel prallvollen schwer kraften zuwider. die nur, die schütteln bedächtig alten die häupter überdrang den ungestüm und blind der jugend. nicht ohnweis zu lächeln und sich in habenheit zu erüben.
die schöpfung neuschöpft klar quellaus und samet aus speichern. nächst bis zum herbste, der dannwieder die verstimm der gänglichkeit anliedet, beeis er im vorwinter zur starre erruhet und bettleget, was jetzt so bürd sich gewildet.
drei monaden frühlingshaft unbedingt, bepor der offen seine heissen voren sommert. gemaiet die niessluft! der warte november schont auf manchen grufte, so der glaubt, für richten sich hier einzuimmern.

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Re: Unser Literatur-Ordner

29.04.2018, 11:39

Passend zur Walpurgisnacht ein Text meines lieben Freundes lester:

Mägdesprung

Vergißmeinnicht, dass nie, dass nicht,
sollst hungrig mir durchs Feuer tanzen,
Nachtschatten du, schon abgewelkt,
doch bei Johanni feurig, heilig,
und heute Nacht, wenn du besuchst, dann
spring mich an, mich: Mägdelein,
bis Morgentau sollst ihn mir beissen,
den Ginsterbusch und bis aufs Blut
den roten, roten Fingerhut.

Ist deine Kränzchenzeit,
die sich in meine hat gesteckt und jetzt,
jetzt doppelt schnell zu Ende hetzt.

Dann ist es hin,es bleibt die weiße Rose Schmerz,
der du dann folgst, nun mundgerecht,
du hebst die Hand, hebst auch die Augen,
und mit Erstaunen im Gesicht
begreift du, was du neu erfahren:
du wolltest alles, alles nicht.


 
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Re: Unser Literatur-Ordner

16.05.2018, 12:48

Eduard Eisenpflicht: Ein Aufenthalt im Landschulheim
Endlich war der heißersehnte Tag da, Koffer und Reisetaschen wurden im Anhänger des grünen Käßbohrer-Omnibusses verstaut, dessen windschnittige Form ein rasantes überwinden eklatanter räumlicher Distanzen in Aussicht stellte. Und bald schon pfiff und surrte die durchpflügte Luft an den auf Luke gestellten Fenstern vorbei, Landschaften verzogen sich wie Tellerränder in die Ferne, neue Hügeleien und blaue Bänke tauchten am Horizonte auf, um sehr bald ebenfalls zu verschwinden - es war ein Dahingleiten durch wechselnde Panoramen, bis die Augen mir zufielen, und als ich sie wieder öffnete, stand die haiförmige Rakete vor einem ockerfarbenen Kapellchen, an das sich rechts ein Kloster und links das Landschulheim anschloß, das für eine Woche unser Zuhause zu sein bestimmt war.
Allmorgendlich weckte uns das Bimmeln des Gebetsglöckleins, die Ursulinerinnen deckten unseren Tisch mit luftigem selbstgebackenem Hefestuten und herbem Kräutertee, der Unterricht war der Umgebung angepaßt und betraf Almwirtschaft und Käserei, Kristallkunde und geheimnisvolles Wissen der Strahler, sogar die edle Mathematik war in den Dienst der Beschreibung gewachsener Steine und vermessener Landschaft getreten, und bis in die Urgründe reichende Schönheit und Geistigkeit durchpulste die harten Knabenköpfe. Dann aber hielt ein anderer Bus vor dem Kapellchen, und ihm entstieg eine zwitschernde und lachende Horde reizender Mädchen aus dem nicht weit von Krogstedt belegenen lieblichen Faldera, sie trugen ächzend ihre schweren Koffer ins obere Stockwerk empor, wir Jungen standen seitab und warfen scheele Blicke hinüber, und weil keiner der erste sein wollte, der den jungen Damen seine Dienste anbot, erstarrten wir zu einem Denkmal verpaßter Ritterlichkeit und hörten denn auch entsprechende Bemerkungen, aus denen das Wort "Stiesel" unschön hervorschrillte.
Am Abend ging ich hinaus, um die schneesäuerliche Luft zu genießen, da begegnete mir eins dieser Mädchen, das nach Hause telefonieren und wissen wollte, wo es wohl eine Telefonzelle gäbe. Ich erklärte es ihr, denn ich hatte sie in der Nähe des Bahnhofs schon benutzt, aber sie schien den Weg nicht zu verstehen oder behielt ihn nicht, fragte mich kalbsdumm immer wieder aufs Neue, bis ich mich erbarmte und ihr anbot, sie hinzuführen, was sie unter dem Vorbehalt, daß es mich nicht inkommodiere, gerne annahm. Sie stellte sich vor, verwundert nahm ich ihren Namen - Amala - wie eine seltene Leckerei in den Mund - und sah, daß dunkle Löckchen ihren weißen Nacken zierten, sah abgekaute Fingernägel und ein nicht auf den ersten Blick schön zu nennendes Gesicht. Aber als es sich mir dann zuwandte im Schein des Flutlichts, mit dem eine Loipe zu später Stunde noch übergossen war, und so zutraulich und freundlich vom Juristenberuf sprach, den ich ihr als den von mir auserkorenen gerade benannt hatte - wie doch ein Anwalt, indem er die Verteidigung armer und zu Unrecht beschuldigter Menschen übernehme, so viel Segensreiches zu tun imstande sei - da strömte mir aus diesem wenig bedeutenden Mädchenantlitz eine solche Woge von Herzenswärme und fast kindlichem Idealismus entgegen, daß es in geheimnisvoller Schönheit zu leuchten begann, und es dauerte nur wenige Minuten, da tauschten wir uns über alles, auch das Persönlichste, aus und liefen wie Hänsel und Gretel durch die erhaben im Schneelicht dämmernde Bergwelt.
O wie gern hätte ich ihre Hand erfaßt und um nichts in der Welt wieder losgelassen! Aber sie hatte von ihrem Freund erzählt und daß sie einen anderen nie haben werde, und so sah ich sie beschützt und verbarrikadiert hinter diesem frühen und schon allein dadurch liebenswerten Kameraden, daß sie ihn ihrer bedingungslosen Liebe für wert hielt, all das Leuchten ihres Gesichtes und das melodische Zirpen ihrer Stimme drangen nur aus allerweitester Ferne zu mir und waren doch stark genug, um Sehnsucht in mir zu entfachen, Sehnsucht nach dieser in ihrer Jugendlichkeit und Unverdorbenheit so stark und hoffnungsfroh knospenden Persönlichkeit. Sie blieb stehen und lauschte. Nur ein mit Schmelzwassern gefüllter Tobel ließ fern sein Murren vernehmen, sie wunderte sich über die Stille, und in dieser Stille, ohne einander zu berühren, verschmolzen unsere zartesten Hoffnungen, unausgesprochensten Erklärungen und lieblichsten Daseinsfreuden für einen still entsagenden Glücksmoment miteinander, verglichen mit dem physische Vereinigung ein rohes Gemetzel gewesen wäre.
Ich will die leibliche Liebe keineswegs abwerten, aber was bleibt von ihr, wenn man auf die andere Waagschale dieses feine sich aneinander Herantasten gegenseitigen Entdeckens und Erkennens legt? Was für ein köstlicher Schneeduft durchzog diesen Moment wortlosen Einswerdens, welche Reinheit war darin, wie edel und aufopferungsvoll war er gezeichnet von Verzicht... Für den Bruchteil einer in Ewigkeit nicht aufhörenden Sekunde wußten wir, daß wir einander in unserem tiefsten und größten Wert gesehen und erkannt hatten, fühlten uns durch einander zugleich bedingt und erlöst und leisteten einander unausgesprochen das Gelöbnis immerwährender Freundschaft. Vier gemeinsame Tage lagen noch vor uns, aber wer nun glaubt, daß wir unzertrennlich geworden wären, irrt sich gewaltig, denn eher war das Gegenteil der Fall. Im Bewußtsein des kostbaren Schatzes, den wir einander anvertraut hatten, mieden wir es, mit einander allein zu bleiben, ja, ich bandelte mit einem anderen Mädchen an, das immer müde und wie kurz vorm Sterben aussah, verwischte so die Spur unseres geheimen und wortlosen Bündnisses - und las in wenigen kostbaren Momenten in Amalas Augen freudige Dankbarkeit. 

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